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Einem Kind und sich selbst helfen

Achtsamkeit ist eine beständige Übung darin, präsent zu sein, sich zu öffnen und immer wieder vom Herzen her wahrzunehmen. Diese innere Haltung geht uns immer wieder verloren, weshalb wir eine Praxis brauchen, die uns an Achtsamkeit erinnert. Eine Form besteht darin, auf dem Kissen oder einem Stuhl sitzend zu meditieren, eine andere, das Leben mit all seinen Erscheinungen als großes Feld zu betrachten und bewusst mit dem zu üben, was uns begegnet.

Wenn wir Eltern sind ist das Leben mit einem Kind unser Übungsfeld. Ist es nicht erstaunlich, dass wir bei kleinen Kindern genau die Qualitäten wahrnehmen können, die wir als Erwachsene durch die Praxis von Achtsamkeit und Mitgefühl einüben? Kleine Kinder leben im Augenblick, sie sind offen und vertrauensvoll, sie sind in der Lage sich einzufühlen und sie helfen, wenn sie helfen können. Oft haben sie eine innige Beziehung zu Tieren und Pflanzen und sind interessierte Forscher ohne Plan, wie etwas sein sollte oder was am Ende dabei raus kommen soll. Sie sind einfach da, ganz im Augenblick – was das Zusammensein mit ihnen nicht immer einfach macht…

Wenn wir diese Qualitäten in Kindern aber erkennen, helfen wir ihnen und uns selbst, diese zu verwirklichen. Eine schöne Übung für Achtsamkeit und Einfühlung besteht darin, dass wir uns einmal für ein paar Augenblicke ganz darauf einlassen, der Aufmerksamkeit eines Kindes zu folgen. Einfach zu sitzen und einfach da zu sein, ohne mit dem Kind ein Ziel zu haben. Einfach mit einem Kind durch die Gegend zu streifen und zu schauen, was uns begegnet. Und sich einmal ganz bewusst darauf einzulassen, ein Problem oder eine offene Frage gemeinsam zu erforschen, ohne „schon zu wissen, wie es richtig geht“.

Wenn wir unsere Zeit auf diese Weise mit einem Kind verbringen, wechseln wir vom Modus des Tuns in den Modus von „einfach sein“. Wir erfahren dann Dinge, die uns unter Stress verborgen bleiben. Aus dieser Haltung heraus sind wir schöpferisch und es entsteht Neues. Aus dieser Haltung heraus entsteht wirkliche Begegnung und das Gefühl, verbunden zu sein. In diesem Zustand müssen wir niemandem etwas beweisen und die Grenzen zwischen „Kind sein“ und „erwachsen sein“ lösen sich zugunsten von gemeinsam „Mensch sein“.

Solche Momente, die unweigerlich vorüber gehen, sind kostbar wie Perlen im Leben von Kindern und Erwachsenen. Wenn wir sie bewusst wahrnehmen, können wir uns manchmal auch nach Jahren noch an sie erinnern und sie bilden auch einen Anknüpfungspunkt für weitere Erfahrungen mit Achtsamkeit und dem Zustand von einfach SEIN.

Sich und anderen helfen

In unterschiedlichen Zusammenhängen begegnet mir gerade das Thema „helfen und sich helfen lassen“. Es gibt meine über achtzigjährige Mutter, die mehr und mehr auf Hilfe angewiesen ist und meine Versuche zu verstehen, was eigentlich hilft wenn sich das Leben langsam neigt. Es gibt die Babys und Kleinkinder in meinen Kursen und die wiederkehrende Frage, in welchen Situationen Eltern eingreifen und helfen sollten und in welchen wir schon ganz kleinen Kinder Hilflosigkeit anerziehen, weil wir ihr Tempo nicht respektieren oder oft nicht abwarten können, bis sie ihre Fähigkeiten selbst entdecken. Ich denke auch an Maria Montessoris Satz „Hilf mir, es selbst zu tun“ – und an die Gratwanderung zwischen „zu viel helfen“ und „im Stich lassen“, auf der wir immer wieder unterwegs sind. Und ich denke an eine Kursteilnehmerin, die von einem auf den nächsten Moment vor Schmerzen nicht mehr laufen konnte und an ihre Einsicht, wie herausfordernd es ist, plötzlich nicht mehr diejenige zu sein, die alles im Griff hat, sondern diejenige, die andere um Hilfe bitten muss, sogar für die allerkleinsten Kleinigkeiten. Weiterlesen

Begegnung jenseits von Worten

Es gibt Tage und Situationen da frage ich mich immer mal wieder, ob sprechen eigentlich wirklich die geeignete Form ist, um sich mitzuteilen oder etwas zu erfahren. Kommunikation kann zu einem sperrigen, viel öfter aber auch zu einem ausgefransten Ding werden – und ganz ehrlich, dieses viele belanglose Gequatsche von dem wir in der heutigen Zeit so oft umgeben sind geht mir je nach eigener Verfassung manchmal ganz schön auf den Geist.

Wir sprechen der Kommunikation mit Worten in unserer Gesellschaft einen hohen Stellenwert zu, kaum ein Unternehmen in dem die Arbeitnehmer nicht in Kurse geschickt werden um Strategien und Regeln der Gesprächsführung zu erlernen. Mündliche Beteiligung steht in Schulen, dies erlebe ich gerade bei meiner Tochter wieder, hoch im Kurs – und SchülerInnen, die weniger aber dafür Gehaltvolles sagen, werden oft schlechter benotet als jene, die ununterbrochen inhaltsleere Sülze quatschen. In Grundschulen und Kitas werden Kinder dazu angehalten, Konflikte verbal zu lösen und ihre Empfindungen in Worte zu fassen. Und dies ist ja auch alles ganz schön und gut – auch ich bediene mich der Worte um einen Text zu schreiben oder über Achtsamkeit zu sprechen.

Immer wieder aber können wir auch innehalten und uns in Stille darüber klar werden, dass es jenseits der Kommunikation auch ganz andere Möglichkeiten gibt, um einander zu begegnen. Wirklich etwas von einander zu erfahren oder einen Konflikt zu lösen hat nämlich gar nicht so viel  mit den richtigen Worten zu tun als mit der Bereitschaft, sich präsent, offen und fragend zuzuwenden, ohne ein Ziel mit einander zu haben. Diese innere Haltung der Achtsamkeit kann sich in Worten ausdrücken, aber auch in Stille, in einer kleinen Geste oder im gemeinsamen Tun. Bei kleinen Kindern, die noch nicht zu Wettbewerb und Konkurrenzdenken erzogen wurden, mündet sie oft im gemeinsamen Spiel. Zusammen ohne äußeren Druck zu spielen und ins gemeinsame Tun zu kommen ist der Weg der Kinder, um einander kennen zu lernen und auch, um aus Konflikten wieder heraus zu finden.

Vielleicht sollten wir viel öfter in Familien, Schulen und Unternehmen – und ja, auch in uns selbst – Raum schaffen für ein Zusammensein, das Begegnung jenseits von Worten ermöglicht, schweigend, spielend, im einfachen Tun, im kreativ sein, im Tanzen und im Singen. All dies sind Ausdrucksmöglichkeiten, all dies sind Wege sich und einander kennen zu lernen und sich und anderen zu begegnen. Sich und andere auch einmal sein zu lassen und abzuwarten was passiert wenn wir nicht reden, nicht überzeugen, nicht verbessern, nicht diskutieren und Unterschiede nicht durch Worte überdecken, kann zu tieferer Einsicht führen und schafft auch neuen Raum. Nicht zu sprechen, nichts zu raten, nichts zu forcieren gibt auch dem anderen, vor allem den Kindern die Chance herauszufinden, dass es auch jenseits von Worten die Möglichkeit gibt, einander kennen zu lernen, Konflikte zu lösen und etwas Neues in die Welt zu bringen…

Kein Werkzeug – keine Methode

In diesen Tagen begegnet mir einmal wieder die Frage, welche Aufgaben im Leben wir eigentlich lösen können, wenn wir die „richtige Methode“ kennen und an welchen Stellen die „richtige Methode“ einer guten Lösung komplett im Wege steht. Je älter ich werde, desto mehr Bereiche entdecke ich nämlich, in denen „richtige Methoden“ eigentlich völlig unbrauchbar sind – und in denen die Suche nach dem richtigen „Werkzeug“ hilfreiche Antworten komplett verhindert.

Es beginnt bei dem Thema Achtsamkeit. Wie kann man über die guten und hilfreichen Aspekte von Achtsamkeit sprechen, ohne den Eindruck zu erwecken, dass es um eine Methode geht, die man nur anwenden muss, um sich oder das Leben zu „verbessern“ – was Achtsamkeit gleichwohl bei vielen Menschen bewirkt? Wie können wir Achtsamkeit üben oder meditieren und zugleich erkennen, dass Meditation kein Schraubschlüssel ist, der Stress reduziert – was Meditation andererseits bei vielen Menschen erwiesenermaßen tut?

Diese grundlegende Frage hat mich im Zusammenhang mit verschiedenen Themen immer wieder bewegt: als ich mich mit der Gewaltfreien Kommunikation befasst habe und bemerken musste, welche Widerstände Menschen – vor allem Kinder – entwickeln, wenn für sie spürbar wird, dass der GfK-Weg als Werkzeug eingesetzt wird, um zu überzeugen, zu überreden oder auch um Macht auszuüben. Ich habe erlebt, wie die grundlegend hilfreichen Gedanken von Pädagogen wie Emmi Pikler oder Maria Montessori zu Werkzeugen gemacht wurden, um Kinder nur noch mehr in die vorgegebenen Schubladen hinein zu pressen. Ich erlebe, wie die grundlegend wichtigen und hilfreichen Erkenntnisse der Bindungstheorie zu Werkzeugen gemacht werden können, die Mütter an den Rand der totalen Erschöpfung bringen, und sich das Gefühl, es mit einem Baby einfach niemals „richtig“ machen zu können vertieft und vertieft und vertieft…

Es gibt da etwas in uns Menschen, das uns voller Hoffnung auf Glück und Entlastung nach den Ideen und Einsichten anderer greifen lässt. In dem Moment aber, in dem wir beginnen, neue Gedanken und Erkenntnisse wie Werkzeuge zu verwenden, um ein bestimmtes Ziel zu erreichen (weniger Stress zu haben oder ein Kind zu haben, dass gut lernt oder nachts durchschläft) entsteht auch die Möglichkeit, dass aus einer ursprünglich hilfreichen Einsicht eine ganz und gar ungute Sache wird.

Die innere Ausrichtung hin zu Achtsamkeit (oh ja! ;-) ) kann uns sehr dabei helfen zu erkennen, welches Ziel wir verfolgen, wenn wir uns mit den Einsichten anderer befassen. Menschen wie Jon Kabat-Zinn, Marshall Rosenberg oder Maria Montessori haben in ihren Leben bestimmte Erfahrungen gemacht, die wir verwenden können. Wir können aber ihre Erfahrungen nicht wiederholen und ihre Einsichten nicht wie Werkzeuge benutzen oder sie unseren Zwecken unterordnen. Vielmehr geht es darum, mit ihnen zu spielen, eine eigene Erfahrung zu machen und etwas eigenes hervorzubringen. Spielend bleiben wir zwar im Kontakt mit den Einsichten dieser Menschen, sind aber zugleich offen, neugierig, friedfertig, entspannt und in der Lage, selbst etwas weiter zu entwickeln.

Unsere eigene innere Verfassung wirkt sich darauf aus, worauf wir die Einsichten anderer Menschen ausrichten. Sind wir innerlich gestresst und angespannt oder wollen ein Ergebnis erzwingen, werden wir eher versucht sein, aus Einsichten Werkzeuge zu machen. Sind wir entspannt, offen, friedfertig und interessiert – also so wie ein Kind, das selbstvergessen und vertieft spielt – können wir Einsichten wie Muscheln am Strand benutzen, um ein eigenes Muster zu legen und eine eigene Spur entstehen zu lassen. Auf diese Weise entsteht dann auch eine eigene Erfahrung und etwas, worauf wir uns verlassen und worauf wir vertrauen können. (grö)

Willkommen…

bei „Achtsamkeit und Begegnung“ in Darmstadt. Hier findest Du mein Angebot an Kursen und Workshops, meine Blogartikel und Inspirationen. Sie unterstützenden Dich darin, Achtsamkeit kennen zu lernen und durch Übungen und Meditation zu Freude, Gelassenheit und innerer Stabilität zu finden. Auf diese Weise bringen wir Achtsamkeit in den Alltag, in Familien, ins Berufsleben und die Welt! Julia Grösch

Eltern sein und Fehler machen

Der dänische Familientherapeut Jesper Juul hat in einem seiner Bücher einmal geschrieben, dass fünfzehn Fehler pro Tag für Eltern völlig in Ordnung sind.  Natürlich ging es ihm mit dieser Aussage darum, der Vorstellung, Eltern könnten oder müssten perfekt sein und immer alles richtig machen, entgegen zu steuern.

Andererseits gehört „Fehler machen“ auf eine Weise zum Eltern sein dazu. Ganz objektiv gesehen machen Eltern manchmal auch Fehler, einfach weil sie nicht genug wissen, weil sie erschöpft oder gestresst sind, weil sie aus der eigenen Erfahrung und den eigenen Vorstellungen heraus auf ihre Kinder schauen und es nicht leicht ist, das eigene Gebäude aus Erfahrungen und Interpretationen zu verlassen.

Eine Auswirkung von wachsender Achtsamkeit ist auch, dass wir uns Situationen, in denen wir zu unseren Kindern nicht freundlich sind und sie vielleicht verletzen oder beschämen, bewusst werden. Das ist nicht leicht, und in solchen Situationen zeigt sich, dass Achtsamkeit nicht auf direktem Weg zu Glück und Sonnenschein führt.
Und zugleich lernen wir auf diesem Weg der Achtsamkeit, präsenter, geduldiger und mitfühlender zu sein  – auch und besonders in den Momenten, in denen wir nicht so Eltern sind, wie wir es uns vorgestellt haben.

Fehlern mit Präsenz zu begegnet bedeutet, nicht davon zu laufen, nicht weg zu sehen, aber  aus unseren Fehler auch keine endlose Geschichte zu machen. Sehr oft können wir nicht wissen, welche Folgen ein Fehler hat, sehr oft verhindern wir, dass aus Fehlern etwas Gutes entstehen kann, weil wir so sehr daran festhalten, das aus Fehlern etwas Falsches entsteht.

Wir können Fehler nicht verhindern indem wir versuchen, immer alles richtig zu machen. Achtsamkeit hilft uns, mit unseren eigenen Fehlern, den Fehlern unserer Kinder und anderer Menschen etwas geduldiger, großzügiger und vielleicht sogar etwas humorvoller umzugehen. Und es könnte sein, dass wir dann auf diesem Weg vielleicht doch, nach und nach, ein paar Fehler weniger machen. Nicht weil wir besser oder perfekter werden, sondern weil wir mitfühlender, großzügiger und präsenter werden.

Lies aus meiner kleinen Reihe über Fehler auch die Artikel „Fehler machen“, Fehlern begegnen“ und den Text „Das Loch in der Straße“ von Portia Nelson.