Achtsamkeit

In unseren Familien, in Beziehungen, im Kontakt mit Kollegen und im Zusammensein mit unseren Kindern – wir alle wollen frei und glücklich leben, gesund sein und uns sicher und geborgen fühlen. Zugleich stehen wir immer wieder wieder vor Hindernissen. Äußere Umständen wie zu viel Stress, Krankheiten oder Konflikte, aber auch Sorgen, Grübeleien und Ängste hindern uns daran, das Leben in seiner ganzen Fülle anzunehmen und uns der freudigen Momente bewusst zu sein.

Achtsamkeit bringt uns wieder in unser inneres Gleichgewicht und öffnet uns für den gegenwärtigen Augenblick. Auf diesem Übungsweg lernen wir mit Hindernissen so umzugehen, dass sie unsere Freude, unsere Offenheit und unsere innere Klarheit nicht behindern. Achtsamkeit macht zwar nicht, dass wir im Alltag nie mehr Probleme haben, sie hilft uns aber, anders mit diesen umzugehen.

Ein amerikanisches Werbeplakat für Surfer aus den 70er Jahren beschreibt recht gut, worum es dabei geht. Darauf war zu lesen: „Wir können die Wellen nicht aufhalten, aber wir können lernen, auf ihnen zu surfen.“ Achtsamkeit im Umgang mit Wellen bedeutet, im gegenwärtigen Augenblick anzukommen und unsere Gedanken, Gefühlen und Empfindungen bewusst wahrzunehmen, ohne Urteile zu fällen. In diesem Zustand sind wir hellwach, präsent und offen. Mit wachsender Übung können wir den Wellen interessiert entgegenschauen, wir können sie einschätzen und ihnen vielleicht sogar interessierter Freundlichkeit begegnen.

Übungen der Achtsamkeit werden seit über zweitausend Jahren durch Meditation, Stille und die innere Ausrichtung auf  Mitgefühl, Offenheit und Gelassenheit praktiziert. Sie haben ihre Wurzeln im Buddhismus und in den Lehren von Buddha, der als Mensch und Lehrer tiefe Einsicht in die Frage entwickelte, warum Menschen leiden und wie dieses Leid gemindert werden kann. Über viele Jahrhunderte wurden seine Lehren vor allem in Klöstern praktiziert und weiter gegeben.

Von diesen Erfahrungen und Einsichten können wir für unseren Alltag sehr viel Gutes und Hilfreiches ableiten. Die moderne Neurobiologie hat in den letzten Jahrzehnten untersucht, dass Achtsamkeitsübungen großen Einfluss auf unsere Fähigkeit haben, mit Stress und Schwierigkeiten umzugehen und insgesamt glücklicher und friedvoller zu leben. Großen Anteil an der Verbreitung von Achtsamkeit in der westlichen Welt hat seit den 70er Jahren Jon Kabat Zinn, der aus der eigenen Meditationspraxis heraus das MBSR-Programm (Mindfulness Based Stress Reduction) entwickelte. Dieses Programm hat seitdem in aller Welt und in vielen gesellschaftlichen Bereichen, in Unternehmen, Schulen und Kliniken erlernt und erprobt.
Hier könnt ihr ein aktuelles Interview mit Jon Kabat-Zinn ansehen.

In den letzten Jahren hat sich der Begriff „Achtsamkeit“ sehr verbreitet. Oft beschreibt er eine bestimmte Haltung, bei der es recht vage um Vorsicht, Aufmerksamkeit, Entspannung oder Wellness geht. Dabei kann schnell der Eindruck entstehen, dass wir um „achtsam zu sein“ lächelnd und auf Zehenspitzen duch die Welt gehen müssen – was ein großes Missverständnis ist. Übungen der Achtsamkeit sind kein Programm zu Selbstoptimierung, wir müssen auch gar nicht so viel tun oder uns neue Aufgaben aufladen. Vielmehr entsteht nach und nach eine Haltung des Wohlwollens  – und eine nicht urteilende Offenheit für das, was gerade da ist. Wir sind dann weniger automatisch gesteuert und gewinnen an Freiheit für bewusstes Tun.

Die innere Haltung, die wir kultivieren, wirkt sich nicht nur auf uns selbst, unsere Kinder und alle Menschen aus, mit denen wir Kontakt haben, sie hat auch das Potential, den Wandel hin zu einem friedlichen und respektvollen Umgang mit Tieren, Pflanzen und der Erde zu stärken. Dabei kann jeder Menschen Achtsamkeitsübungen leicht erlernen und schon kleine Schritte können tiefgreifende Veränderungen nach sich ziehen und unser Leben grundlegend schöner machen – auch wenn Schwierigkeiten im Leben nicht zu vermeiden sind.

Achtsamkeit verhilft uns zu Mitgefühl, Gelassenheit und Friedfertigkeit – und zugleich zu innerer Kraft, Stabilität, Weisheit und Humor. Wir entscheiden uns für eine innere Ausrichtung und orientieren uns an Achtsamkeit, die sich sanft aber stetig auf uns selbst, unser Umfeld und die Menschen, mit denen wir im Kontakt sind, auswirken wird.

Text: Julia Grösch
Fotos: pixabay/Pezibear /sabinevanerp