Achtsamkeit im Alltag, Texte und Inspirationen
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Aufräumen

Ich erinnere mich noch gut an meinen ersten Besuch im Bonner Frauenmuseum vor etwa fünfundzwanzig Jahren – und wie ich mit sehr gemischten Gefühlen vor einem dort ausgestellten Wäscheschrank aus einem Bauernhaus des 19. Jahrhunderts stand. Sorgfältig und millimetergenau gefaltet und beschriftet lagen dort Leinentücher, Handtücher, Bettwäsche und Leibwäsche gestapelt. Die Regalbretter waren mit geklöppelten Borten verziert und wir erfuhren, dass ein solcher Wäscheschrank zu jener Zeit der Stolz jeder Hausfrau war.

Diese Arbeit und die Ordnung zu würdigen oder als wichtig anzuerkennen, wäre uns jungen Frauen damals nicht in den Sinn gekommen. Hausarbeit, Ordnung, Wäsche bügeln und sortieren – nichts wollten wir ja weiter hinter uns lassen, als diese „typische Frauenarbeit“, in der wir ein wesentliches Element der Ausbeutung von Frauen sahen.

Irgendwie aber hat mich der Anblick dieses Wäscheschrankes nicht mehr los gelassen. Ging von ihm auch nicht auch Schönheit aus? Und eine Wertschätzung für die Dinge, die dort so ordentlich aufgeschichtet waren? Und hatte sich die Besitzerin dieses Schrankes wirklich unterdrückt und ausgebeutet gefühlt, oder entsprang diese Einschätzung nur unserer eigenen, eingeschränkten Sicht?

Dreißig Jahre später schaue ich auf netflix die Serie „Aufgeräumt“. Die 34-jährige Japanerin Marie Kondo, Multimillionärin und laut Time Magazin eine der 100 einflussreichsten Persönlichkeiten der Welt, hilft Menschen dabei, ihre Wohnungen und  Häuser aufzuräumen. Sie tut dies – und ich glaube, darin liegt das Geheimnis ihres Erfolges – ohne zu urteilen, ohne zu beschämen, ohne den moralischen Zeigefinger zu erheben oder danach zu fragen, was um Himmels willen einen Menschen dazu bringt, einen ganzen Raum im Haus für die Aufbewahrung von Weihnachtsdekoration zu belegen. Wozu sie auffordert ist nur das: sich darüber klar zu werden „was macht mir Freude?“ – und jene Dinge, die keine Freude mehr machen, mit einem „Danke schön!“ loszulassen und zu verabschieden.

Natürlich kann man über diese Serie und die Frage, ob man in so einem „Kondo-Raum“ selbst leben möchte, unterschiedlicher Ansicht sein. Interessant im Zusammenhang mit „Achtsamkeit“ als innerer Haltung finde ich, dass es Kondo gelingt, aus dem Thema Aufräumen – das für die meisten Menschen ja wohl mit Disziplin oder dem Mangel daran zu tun hat – eine Handlung werden zu lassen, die von Freude und Dankbarkeit geleitet ist. In diesem Zusammenhang habe ich auch erfahren, dass im japanischen Shintoismus jedem Ding eine Seele zugesprochen wird. Ob das so ist – wer weiß das schon. Dass sich die Art und Weise, wie ich mit Dingen umgehe, auf meine innere Verfassung auswirkt, diese Erfahrung mache ich schon lange.

Der buddhistische Achtsamkeitslehrer Thich Nhat Hanh schreibt in einem seiner Bücher, dass wir unser Geschirr so spülen sollen, als würden wir ein Baby baden. Davon ist Marie Kondo nicht so weit entfernt wenn sie dazu einlädt, beim Zusammenlegen unserer Kleidung Dankbarkeit entstehen zu lassen, oder uns bewusst zu sein, welche „Arbeit“ unsere Socken für uns leisten.

Dass die innere Wertschätzung, mit der wir den Dingen begegnen, auch unser Konsumverhalten verändern kann und dass Verzicht und Loslassen mit Glück, Freiheit und Dankbarkeit zu tun haben können – zu dieser Erfahrung können wir uns jederzeit selbst einladen. Auch dazu, einmal mit freudlicher Haltung zu erforschen, wie sich Ordnung, Chaos, Fülle und Leere im Raum auf unsere Gedanken, unsere Kreativität und die Qualität unserer Beziehungen auswirken. Diese Dinge lassen sich aber nicht verordnen oder erzwingen, nicht bei uns und nicht bei anderen – auch nicht bei unseren Kindern.

Allerdings ist diese Erforschung so wertvoll, dass sie nicht alleine den Frauen überlassen sein sollte… ;-)

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