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Beschämungen

Viele Erwachsene in unserer westlichen Kultur tragen in sich den einen sehnlichen Wunsch, von den eigenen Eltern angenommen und geliebt zu sein – so wie sie sind. Von den eigenen Eltern nicht so angenommen und geliebt zu sein wie wir sind, hinterlässt eine Leere in unser aller Leben. Viele Süchte, viele Abhängigkeiten, viele Verknotungen und zerstörerische Verhaltensweisen entstehen aus dem Wunsch, diese Leere zu füllen oder sie nicht mehr spüren zu müssen.

Wenn wir Eltern werden erleben wir allerdings selbst Situationen, in denen wir uns wegen unserer Kinder schämen oder enttäuscht sind – und in denen wir sie dies auch spüren lassen. Kinder sind zu laut oder sprechen zu leise, sie nehmen anderen den Sandeimer weg, sie sitzen nicht still, sie machen Fehler. Wenn sie älter werden gefallen ihnen Sachen, die uns nicht gefallen, sie verhalten sich anders als wir uns das vorgestellt haben. „Und wie du wieder aussiehst, Löcher in der Hose und ständig dieser Lärm….“ – diese Zeilen aus dem Songtext der „Ärzte“ sind ja nur die Spitze des Eisbergs der ununterbrochenen Beschuldigungen und Beschämungen, denen viele Kinder Tag für Tag ausgesetzt sind.

Wenn Achtsamkeit in unser Leben mit Kindern kommt, werden uns die Beschämungen und Kränkungen, denen unsere Kinder ausgesetzt sind über kurz oder lang bewusst. Dies anzusehen, dass wir als Eltern unsere Kinder beschämen und dass wir ihnen manchmal signalisieren, nicht gut genug zu sein und nicht bedingungslos geliebt zu sein, ist ein schwierige Einsicht. Naheliegend ist dann, die Augen schnell wieder verschließen, uns zu rechtfertigen, uns selbst, andere oder wieder unsere zu Kinder beschuldigen.

Achtsamkeit aber lehrt uns, dass wir diesen Kreislauf durchbrechen können. Wir können lernen, innezuhalten wenn uns etwas an unseren Kindern oder an ihrem Verhalten missfällt und zunächst einmal unsere eigenen Gefühle und Gedanken mit freundlichem Wohlwollen wahrnehmen. Es ist ein großer und guter Schritt beispielsweise zu bemerken: „Aha, ich habe die Erwartung, dass mein Kind am Tisch still sitzt“ – und dann zu entscheiden, ob und wie wir unsere Erwartung oder unsere Bedürfnis nach Ruhe äußern.

Eine hilfreiche Übung ist es auch, einmal bewusst darauf zu achten, wie wir innerlich darauf reagieren, wenn die Bitte erfüllt wird oder was in uns passiert, wenn das Kind weiter hampelt und zappelt. Wo entstehen unsere Verkrampfungen, wann kommt der Stress, wie und wo im Körper spüren wir ihn, und können wir einfach bei unserem eigenen inneren Gehampel sitzen und atmen und warten, bis sich diese Unruhe in uns wieder beruhigt? Und können wir wahrnehmen wie es unsere Kinder beeinflusst, wenn unser eigenes inneres Gehampel nachlässt oder ganz zur Ruhe kommt?

Achtsamkeit lehrt uns, unsere Wünsche und Vorstellungen klarer auszusprechen ohne unser Kind zu beschämen. Mit jedem einzelnen Mal, mit jeder winzig kleinen Situation, in der wir innehalten und nicht beschuldigen oder beschämen, verändert sich etwas in uns selbst und in unserem Kind. Vielleicht werden wir den Vorsatz, unsere Kinder nicht mehr zu beschämen, immer wieder verfehlen. Achtsamkeit aber unterstützt uns darin, immer und immer wieder auf den Weg von Freundlichkeit, Ruhe und Respekt zurückkehren – und sei es hundert Mal am Tag… (j.g.)

4 Kommentare

  1. christiane libhardt sagt

    Hallo Julia,
    Toller Text vielen Dank. Aber das Lied ist von den Ärzten.
    Viele Grüsse
    Christiane

  2. Hesse, Dietmar sagt

    Kinder sind unsere Zukunft, somit gehen sie in eine Zeit, die wir nicht erreichen können. Dennoch werden sie als Projektionsfläche unserer eigenen „Unzulänglichkeiten “ missbraucht. Somit tragen wir das System in die nächste Runde.
    Es ist nicht einfach dem System der Vergangenheit zu entfliehen. Es erfordert Zeit zur Selbstreflexion. Wer sie dennoch investiert erringt eine bessere Lebensqualität!

    • Julia Grösch sagt

      danke Dieter… dass die Kinder in eine andere Zeit hineingehen, das ist ein sehr wichtiger Aspekt den wir uns immer mal wieder vor Augen führen können (wenn wir daran denken :-) ) ….

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