Achtsamkeit im Alltag
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Besucher im Gasthaus

Auf einer Seite über Achtsamkeit darf natürlich der Text „Das Gasthaus“ des persischen Dichters und Gelehrten Rumi nicht fehlen. Ich erinnere mich noch gut daran, wie es mir während meiner Achtsamkeitsausbildung zum ersten Mal begegnete und wie mir von diesem Moment an bildlich vor Augen stand, was mit dem Kommen und Gehen von Gedanken, Gefühlen, inneren Bildern und Impulsen eigentlich gemeint ist.

Wir alle kennen wohl Tage und Zeiten, in denen Gedanken, Vorstellungen und Urteile fröhlich in unserem Inneren ein- und ausspazieren oder sich manchmal auch gewaltsam Einlass verschaffen. Und manchmal scheinen sich all diese „Gäste“ nicht in einem Gasthaus, sondern vielmehr in einem 1000-Betten-Hotel zu tummeln und die Räume mit unterschiedlichen Aussagen und widersprüchlichen Meinungen und Forderungen zu erfüllen.
Dabei fällt mir auch das großartige Buch von Tom und Lauri Holmes „Reisen in die Innenwelt“ ein – und die humorvollen Illustrationen von Sharon Eckstein, die Besucher wie den „inneren Kritiker“ oder die „innere Beschützerin“ so ausdrucksstark in gezeichnete Figuren umgesetzt hat. Mir hat die Idee, diese Besucher im Gasthaus  – Tom Holmes spricht vom „Wohnzimmer“ – einmal wirklich zu benennen und als Figuren vor dem inneren Auge sichtbar werden zu lassen, sehr geholfen. Wenn wir einsehen, dass all diese Besucher, auch wenn wir sie zunächst überhaupt nicht mögen, zu unserer „Führung“ geschickt sind (so drückt Rumi es aus), können wir sie da sein und auch weiter ziehen lassen. Es lohnt sich zu dieser inneren Arbeit wirklich sehr, mit dem klugen und zugleich gut verständlichen Ansatz von Tom Holmes zu arbeiten, der sich auch auf Thich Nhat Hanh und die buddhistische Sichtweise über die Natur des Bewußtseins bezieht.

Der vietnamesiche Zen-Meister spricht aus buddhistischer Sicht von Samen, die in unserem Speicherbewusstsein liegen und unter bestimmten Bedingungen keimen und wachsen. Manche Samen gehen dabei nie auf, weil sie nicht die Bedingungen vorfinden, um zu gedeihen. Andere wachsen und wuchern, weil sie gute Bedingungen vorfinden. Die Kunst der Achtsamkeit besteht  darin, die Samen zu wässern von denen wir uns Blumen wünschen und die anderen welken und vergehen zu lassen, damit sie zu Nahrung für schöne Blüten werden.

Welches dieser Bilder uns auch immer anspricht, das vom Gasthaus, vom Wohnzimmer oder von einem Garten, wir können damit experimentieren den Gästen in unserem Geist einmal „Gestalt zu verleihen“, mit ihnen im Gras oder auf dem Sofa sitzen und – ohne über sie zu urteilen oder ins analysieren zu verfallen – mit ihnen im Kontakt sein. Sie mit freundlicher Neugier zu erforschen hilft uns, in diesem ganzen Getümmel wieder die Rolle des Gastgebers zu übernehmen. Innere Klarheit und freundliches Interesse machen uns zu guten Gastgebern und Gastgeberinnen – dankbar für jeden, der kommt – und auch wieder geht!
j.g.

 

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