Alle Artikel in: Texte und Inspirationen

Gelesenes: Leslie Jamison „Die Empathie-Tests. Über Einfühlung in das Leiden anderer“

Um ehrlich zu sein: nach den ersten zehn Seiten war ich gar nicht so sehr davon überzeugt, dass dieses Buch in meinen Blog passt. Nach zwanzig Seiten aber war ich so fasziniert, dass ich es nicht mehr aus der Hand legen konnte. Und von den folgenden dreihundert Seiten war ich abwechselnd gebannt und abgestoßen. Und ja: es ist ein Test, dem sich die Autorin unterzieht – und ihre Leser zieht sie mit, und manchmal schleift sie sie auch. Dem Gefühl, in Situationen gestoßen zu werden, die ich mir nicht ausgesucht habe und die ich, weil sie nicht meinem Leben entspringen, auch kaum bewältigen kann, konnte ich mich nicht ganz entziehen. Aber keine Frage – Leslie Jamison schreibt brillant, klug und radikal, drei Begriffe die schon auf dem Buchcover genannt werden. Es geht um persönliche Erfahrungen mit Situationen, in denen sie sich von ihrem Partner oder von Ärzten Empathie gewünscht hätte und sie nicht bekommen hat („Du redest dir da was ein!“),  und sie lotet zwischen Teilnahmslosigkeit und Besessenheit von Mitgefühl ihre eigene Fähigkeit aus, sich …

Graue Tage

Ein Tag an der dänischen Ostseeküste. Es regnet nicht, aber trocken ist es auch nicht. Nieselregen, feuchte Luft. Das Meer ist grau, der Himmel ist grau, mehr Grau geht nicht. Und doch… unfassbar viele Schattierungen, Abstufungen, lichte und dunkle Stellen zwischen Weiß und Schwarz. Schönheit, Eleganz und Sanftheit liegen auch darin. Und dann diese Stille… Urplötzlich die Hagebutten – knallen ihr Rot in die Welt. Kraftstrotzend, glänzend, berstend vor Saft. Was wären sie ohne das Grau? Text: j.g. Foto: f.e.      

Fehlern begegnen

Wie eigentlich würde es uns selbst, unseren Kindern und allen Menschen ergehen, wenn wir  immer öfter mal mit freundlicher Anteilnahme fragen würden: „Was hast du schon mal falsch gemacht – und was ist denn eigentlich daraus geworden?“ Was wäre, wenn wir Fehlerhaftigkeit in unser nicht urteilendes Gewahrsein einschließen könnten – und wenn wir über unsere Fehler mit einem Menschen sprechen könnten, der nicht urteilt, kein Ziel mit uns hat und auch keine Angst, das anzuhören, was ausgesprochen werden will? Der also einfach da ist, aufmerksam und freundlich, und der sanft nachfragt, wenn dies gebraucht wird?

Etwas einfach tun

Achtsamkeit bezeichnet eine innere Haltung, in der wir Gedanken, Gefühle und Körperempfindungen wahrnehmen ohne Urteile über sie zu fällen. Wir sind einfach da und beobachten mit freundlicher Anteilnahme, was um uns herum und in uns drin gerade passiert. Immer mal wieder können wir uns im Lauf des Tages auch die Frage stellen: was begegnet mir jetzt? Es gibt diese Vielfalt an Farben und Formen, Licht und Dunkelheit, Bewegung, Geräuschen und Gerüchen zu entdecken. Ebenso ist es mit Gedanken, Gefühlen und Körperempfindungen. Wenn wir uns immer wieder bewußt darin üben, wahrzunehmen ohne Urteile zu fällen, entsteht Achtsamkeit. Wir werden freier von automatischen Reaktionen, es entsteht ein Bewusstsein für Verbundenheit und innere Freundlichkeit. Diese innere Haltung verändert auch unser Handeln. Es entsteht ja schnell der Eindruck, dass uns Achtsamkeit dazu bringt, passiv zu werden und nichts zu tun. Und ja – wenn wir Achtsamkeit auf dem Stuhl sitzend und in Stille üben, nehmen wir uns ein Auszeit vom Machen und Tun. Dann aber endet die Zeit der Meditation, wir kehren in eine Welt zurück in der es …

Gelesenes: Ajahn Brahm „Öffne die Tür zu deinem Herzen“

Vor ein paar Tagen bin ich auf ein kleines Buch gestoßen, das ich euch sehr empfehlen kann. Vielleicht kennt ihr den buddhistischen Lehrer Ajahn Brahm ja schon durch seine anderen Bücher „Die Kuh, die weinte“ oder „Der Elefant, der das Glück vergaß“. Ich mag die Geschichten  in diesen Büchern  sehr, weil sie die Einsichten und Lehren immer wieder humorvoll und klug auf den Punkt bringen. In fünf Schritten baut Ajahn Brahm zunächst einen Weg auf, der uns zu unserem „schönen Atem“ führt. Dieser bildet die Basis für den darauf folgenden Prozess, liebevolle Achtsamkeit zu erwecken. Er beschreibt, wie wir zunächst ein „warmes Feuerchen“ in unserem Herzen entfachen, indem wir uns beispielsweise ein kleines hilfloses Kätzchen vorstellen, ein Wesen also, dass unsere ganze Liebe und unser grenzenloses Mitgefühl wecken kann. In den nächsten Schritten weiten wir die liebevolle Achtsamkeit auf andere Menschen aus – und auf uns selbst. Sehr hilfreich ist auch der dritte Abschnitt, der sich in kurzen aber prägnanten Absätzen dem Umgang mit Störungen widmet. Trägheit, Reue, Unrast, Wut, Zorn, unser ständig „nörgelnder Geist“ …

Enttäuschung

Da habe ich doch gerade auf facebook einen schönen Satz gepostet – und der geht so: „Schiffe sinken nicht, weil sie von Wasser umgeben sind. Schiffe sinken, wenn das Wasser in sie eindringt. Lass nicht zu dass das, was um dich ist, in dich eindringt und dich nach unten zieht.“ Und kaum habe ich diese schöne Weisheit in die Welt geschickt, da macht es einmal kurz „plopp“ – und schon bin ich in einer Situation, in der ich mir diesen Spruch selbst an den Spiegel kleben kann… Gleichzeitig war das Leben so nett, mir diese Weisheit zwei Tage vor der akuten Situation zu schicken, so dass ich mich nach zwanzig Minuten Wut und Ärger dann doch daran erinnert habe. Wie war das noch mit der achtsamen Selbstfreundlichkeit? „Es geht vorbei!“. „Schau einfach mal, wie du morgen darüber denkst…“, „Lass es ziehen…“, „Lass dir nicht bange machen!“, „Lass nicht zu, dass die Kleinlichkeit anderer Raum in deinem Haus bezieht.“. Da war ich doch so voller Freude und Euphorie – und dann kommt da eine Bekannte und …

Gelesenes: Erling Kagge „Stille“

„Die Stille um dich herum kann vieles enthalten, aber für mich ist die interessanteste Stille diejenige, die in mir ist. Eine Stille, die ich in gewisser Weise selbst schaffe. Daher suche ich nicht mehr nach der Stille um ich herum. Die Stille, auf die ich aus bin, ist die Stille in mir.“ In unserer lauten Welt sehnen wir uns nach Stille. Ist die Stille aber da, halten wir sie oft nicht aus, werden unruhig, lenken uns ab. Der norwegische Autor und Abenteurer Erling Kagge hat sich auf den Weg gemacht, die Stille zu suchen – und aus dieser Suche ist nun ein kluges und inspirierendes Buch geworden, das ich euch sehr empfehle. Einen Wegweiser, wie im Untertitel versprochen, einen Ratgeber also wie man Stille findet, sollte man nicht erwarten. Vielmehr lotet Erling Kagge in 33 Abschnitten seine eigenen Erfahrungen mit Stille aus – und als LeserInnen dürfen wir uns vertrauensvoll auf diesen Wegen führen lassen. Es sind Erinnerungen und Fragen, Gespräche, philosophisches und allgemein menschliches, er unternimmt Wege zur Wissenschaft, zur Literatur, Kunst und Musik, …

Langsamer werden

Bedrängt von dem Gefühl, schnell sein zu müssen, ist „langsamer werden“ in der heutigen Zeit eine Kunst und ein Wagnis zugleich. Wagen wir es, samstags in der städtischen Fußgängerzone langsam einen Fuß vor den anderen zu setzen und achtsam zu gehen? Wagen wir es noch, uns in der Mittagspause zu einem Essen hinzusetzen und uns Zeit für Schmecken und Kauen zu nehmen? Wagen wir es, unseren Kindern morgens Zeit zu geben, um langsam in den Tag zu kommen? Wagen wir es, die empörten Blicke und Bemerkungen auszuhalten die uns treffen, wenn wir an der Supermarktkasse das Gemüse nicht eilig in die Einkaufskarre werfen oder das Gedrängel und Gehupe hinter uns zu ertragen, wenn wir in der 30er-Zone auch nur 30 fahren?

Genug für alle?

Seit gestern zeigt sich nun also in Prozentzahlen, wie viele Menschen in Deutschland in dem Gefühl leben, nicht genug zu haben. Wie viele den Eindruck haben, andere würden ihnen etwas weg nehmen, und dass man sich abgrenzen muss, dass es so nicht weiter geht. Manche haben den Eindruck, dass man andere verjagen, sogar zunichte machen muss. Viele fürchten, dass auch unsere Demokratie nicht stark genug ist und dass sich die Vergangenheit wiederholen könnte. Wohin wir schauen zeigt sich Angst vor Mangel und davor, nicht wahrgenommen zu werden, nicht wichtig genug zu sein und nicht das zu bekommen, was uns eigentlich zusteht. Ich kenne diese Gefühle. Seit diesem Frühjahr versuche ich beispielsweise, in unserem Garten etwas Gemüse anzubauen. Und seit dem plage ich mich auch mit Nacktschnecken herum. Jeden Morgen erschafft die Zucchini eine neue Blüte – jeden Nacht wird sie von hungrigen Nacktschnecken zerfressen. Ich bin ohne Probleme in der Lage, mich in Wut und Ärger hineinzusteigern. Immerhin habe ich den Boden bereitet, Samen gesetzt und das Pflänzchen gegossen. Sollten mir nicht jetzt auch die …