Alle Artikel in: Texte und Inspirationen

Eine Art zu sein

Jenseits aller Definitionen beschreibt das Wort „Achtsamkeit“ eine bestimmte Art zu sein. Eine Art zu sein, die uns auf ganz natürliche Weise gegeben ist, die uns aber im Lauf des Lebens und unter verschiedensten Einflüssen immer wieder abhanden kommen kann. Wenn wir uns aber nach Momenten der Achtsamkeit in unserem Leben fragen, dann erinnern sich eigentlich alle Menschen an Situationen, in denen sie bereits im Zustand der Achtsamkeit waren, auch wenn sie das nicht bewusst geübt haben. Wenn wir anfangen, uns mit Achtsamkeit zu befassen und diese Haltung der freundlichen Präsenz bewusst einzuüben, lernen wir eine Übungspraxis kennen: Achtsamkeit auf den Atem, im Sitzen, Liegen, Gehen, Achtsamkeit auf Gedanken, Stimmungen, Wahrnehmungen. Dies sind wichtige, grundlegende Übungen, die uns im Alltag sehr helfen können und die uns Einsichten in bestimmte Zusammenhänge ermöglichen. Wenn wir beispielsweise lernen, unseren Urteilen über unsere Gedanken bewusster zu begegnen, überträgt sich dies in den Alltag und verändert unsere Haltung zu stressigen Situationen oder schwierigen Mitmenschen. Immer wieder können wir uns aber auch fragen, was uns im Alltag dabei hilft, aus uns …

Veränderung

Stressfreier zu leben, mehr im Einklang mit sich selbst, auch freudiger: es ist möglich wenn wir bereit sind, mit der Veränderung zu sein und anzuerkennen, dass sich alles ununterbrochen wandelt. Die Praxis der Achtsamkeit hat mir in den letzten Jahren gezeigt, dass der Weg der Veränderung ein Prozess sein kann, der von innen heraus entsteht. Zunächst – manchmal langsam, manchmal sehr schnell – entsteht im Inneren eine Bereitschaft oder auch eine Kraft, mit dem zu sein, was die Veränderung mit sich bringt. Es entsteht auch ein inneres Einverständnis mit den Folgen der Veränderung – bevor die Folgen auch im Außen sichtbar werden können. Allerdings entfalten sich Veränderungen nicht immer harmonisch von innen heraus. Schmerzhaft und schwierig wird es, wenn uns Lebenskrisen oder Krankheiten dazu zwingen, innere Haltungen, Überzeugungen oder Gewohnheiten zu verändern, obwohl wir dazu innerlich nicht bereit sind. Was dann schmerzt ist der Widerstand, den wir Veränderungen entgegen setzen, auch der Zweifel daran, dass wir dort aufgehoben sind, wo uns die Krise hin führt. Mit diesen Widerständen und Zweifeln haben alle Menschen zu tun, …

Aufräumen

Ich erinnere mich noch gut an meinen ersten Besuch im Bonner Frauenmuseum vor etwa fünfundzwanzig Jahren – und wie ich mit sehr gemischten Gefühlen vor einem dort ausgestellten Wäscheschrank aus einem Bauernhaus des 19. Jahrhunderts stand. Sorgfältig und millimetergenau gefaltet und beschriftet lagen dort Leinentücher, Handtücher, Bettwäsche und Leibwäsche gestapelt. Die Regalbretter waren mit geklöppelten Borten verziert und wir erfuhren, dass ein solcher Wäscheschrank zu jener Zeit der Stolz jeder Hausfrau war. Diese Arbeit und die Ordnung zu würdigen oder als wichtig anzuerkennen, wäre uns jungen Frauen damals nicht in den Sinn gekommen. Hausarbeit, Ordnung, Wäsche bügeln und sortieren – nichts wollten wir ja weiter hinter uns lassen, als diese „typische Frauenarbeit“, in der wir ein wesentliches Element der Ausbeutung von Frauen sahen. Irgendwie aber hat mich der Anblick dieses Wäscheschrankes nicht mehr los gelassen. Ging von ihm auch nicht auch Schönheit aus? Und eine Wertschätzung für die Dinge, die dort so ordentlich aufgeschichtet waren? Und hatte sich die Besitzerin dieses Schrankes wirklich unterdrückt und ausgebeutet gefühlt, oder entsprang diese Einschätzung nur unserer eigenen, eingeschränkten …

Jon Kabat Zinn: Präsenz

„Präsent sein ist alles andere als eine Kleinigkeit. Es ist vielleicht die schwerste Arbeit der Welt. Ach, vergessen Sie ruhig das „vielleicht“. Es ist die schwerste Arbeit der Welt – zumindest das Aufrechterhalten der Präsenz. Und die wichtigste Arbeit. Wenn sie zur Präsenz gelangen – und gesunde Kinder leben die meiste Zeit in der Landschaft der Präsenz – dann wissen Sie es augenblicklich, dann fühlen Sie sich sofort zu Hause. Und da sie zu Hause sind, können Sie sich entspannen, können Sie loslassen, können Sie in Ihrem Sein ruhen, in Gewahrsein, in der Präsenz selbst, in Ihrer eigenen guten Gesellschaft.“ Jon Kabat Zinn „Zur Besinnung kommen“ Foto: Pixabay

Etwas einfach tun

Achtsamkeit bezeichnet eine innere Haltung, in der wir Gedanken, Gefühle und Körperempfindungen wahrnehmen ohne Urteile über sie zu fällen. Wir sind einfach da und beobachten mit freundlicher Anteilnahme, was um uns herum und in uns drin gerade passiert. Immer mal wieder können wir uns im Lauf des Tages auch die Frage stellen: was begegnet mir jetzt? Es gibt diese Vielfalt an Farben und Formen, Licht und Dunkelheit, Bewegung, Geräuschen und Gerüchen zu entdecken. Ebenso ist es mit Gedanken, Gefühlen und Körperempfindungen. Wenn wir uns immer wieder bewußt darin üben, wahrzunehmen ohne Urteile zu fällen, entsteht Achtsamkeit. Wir werden freier von automatischen Reaktionen, es entsteht ein Bewusstsein für Verbundenheit und innere Freundlichkeit. Diese innere Haltung verändert auch unser Handeln. Es entsteht ja schnell der Eindruck, dass uns Achtsamkeit dazu bringt, passiv zu werden und nichts zu tun. Und ja – wenn wir Achtsamkeit auf dem Stuhl sitzend und in Stille üben, nehmen wir uns ein Auszeit vom Machen und Tun. Dann aber endet die Zeit der Meditation, wir kehren in eine Welt zurück in der es …

Das Herz für unser Kind öffnen

Mit unseren Kindern im herzlichen Kontakt zu sein, unser Herz für ein Kind zu öffnen… es klingt so selbstverständlich, und kann doch so schwierig sein. Gerade dann, wenn der Stresspegel mal wieder steigt, wenn unsere Kinder mal wieder ganz und gar nicht so sind oder so reagieren, wie wir uns das wünschen, kann unser Herz eng werden oder sich ganz verschließen. Sehr oft verhalten auch wir uns dann auf eine Weise, die dem Wunschbild, das wir von uns als Eltern haben, nicht entspricht. Wenn unser Herz eng wird oder verschossen, verlieren wir nicht nur die Geduld und das Wohlwollen mit unseren Kindern, wir verlieren auch die Geduld und die Freundlichkeit mit uns selbst. Schnell kann es passieren, dass wir in einen unheilvollen Strudel aus Vorwürfen, Schuldzuweisen, neuem Ärger und weiterer Wut geraten. Zusätzlich zu den oft schwierigen Bedingungen, unter denen wir in der heutigen Zeit Eltern sind, beschweren wir auf diese Weise unser Zusammensein mit Kindern durch belastende Gedanken. Unser Herz kann sich öffnen, wenn wir unseren Kopf von Urteilen und Wunschvorstellungen befreien. Wir müssen …

Thich Nhat Hanh: Mein kleines Haus

„Mein kleines Haus ist gut genug. Es hat viele Fenster und die umgebende Landschaft ist so wunderschön. Wir verfügen über genügend Bedingungen, um bereits jetzt glücklich zu sein, wir müssen nicht in die Zukunft laufen, um noch ein paar mehr zu ergattern. Was wir haben reicht für uns. Wenn wir uns einen solchen Lebensstil erst einmal zu eigen gemacht haben, sind wir auf der Stelle ein glücklicher Mensch.“ Thich Nhat Hanh: Versöhnung mit dem inneren Kind. O.W. Barth Foto: Pixabay/Boristrost

Sich zuwenden

In diesen Wochen, in denen wir wieder auf die längste Nacht im Jahr zugehen, werden auf erstaunliche Weise all jene Dinge so sichtbar, die unserer Zuwendung bedürfen.  Das „zu viel von“ und das „zu wenig von“ zeigt sich, unsere Vorstellungen davon, wie die Dinge sein sollten und unser Widerstand gegen die Dinge, die wir anders haben wollen, als sie sind. Üblicherweise schrecken wir zurück. Üblicherweise lehnen wir die Erfahrung von Stress, Kummer und Sorgen ab. Üblicherweise wenden wir uns reflexartig ab, geben anderen oder uns selbst Schuld. Üblicherweise glauben wir, wir selbst und unsere Erfahrung, die anderen, die Dinge, sollten anders sein, als sie sind. Achtsamkeit lehrt uns die Kunst, uns mit freundlicher Aufmerksamkeit zuzuwenden. Jenen Momenten, die schön und harmonisch sind, und auch jenen, die nicht schön sind, in denen wir es gerade schwer haben. Wir begegnen dem Stress, so gefangen im eigenen Stress. Dem Kummer, ganz grau vom Kummer über sich selbst. Der Trauer, so endlos traurig über die eigene Traurigkeit. Sie alle brauchen es so sehr, dass sich ein Teil von uns …

Meditation mit Blättern

Die Blätter fallen. Jeder kleine Windstoß, der zwischen die Äste der Birke fährt, löst sie und lässt sie sanft zu Boden rieseln. Rund um den Baum ist schon ein gelber Teppich entstanden und wenn ich durch den Garten gehe, raschelt unter den Schuhen das welke Laub. Ich sitze still und schaue den Blättern zu. Ihrem Tanz im Wind, der mir fröhlich erscheint, ein wenig aufgeregt vielleicht, als würden sie ihre Reise zur Erde genießen, ja als wüßten sie, dass sie nicht umsonst fallen und dass sie auch nicht verloren gehen. Viel wird jetzt davon geredet, dass der Herbst die Zeit des „loslassens“ ist und dass auch wir Menschen immer wieder loslassen müssen. Aber lässt ein Baum seine Blätter los? Oder lässt er sie nicht vielmehr einfach sein, nämlich das, was sie jetzt sind: bunte, welke Blätter auf ihrem Weg zur Erde? Und ich denke: Wir müssen doch nicht so viel tun, vor allem uns nicht krampfhaft dazu zwingen, loszulassen, was sich noch nicht lösen kann. Es reicht, manches einfach sein zu lassen: Gedanken und Gefühle …