Alle Artikel in: Achtsamkeit im Alltag

Wellen

„Schmerzliche Situationen, Stress und Krankheit sind einfach Teil des Lebens!“ – wie leicht sagt sich das dahin, wenn der Himmel weit und blau ist, wenn wir keine Schmerzen haben, uns nicht bedroht fühlen und auch sonst alles ganz gut im Gleichgewicht ist. Wenn wir aber erschöpft sind, Schmerzen haben oder unser Leben gerade aus anderen Gründe aus den Fugen gerät, kann es schwer sein, diesen Satz zu lesen oder ihn von einem anderen Menschen zu hören. Schnell schwingt da etwas mit von „mach kein Theater, reiß dich halt mal zusammen, so schlimm ist es doch nicht“. Zugleich aber liegt in diesem Satz so viel Entlastung und Erleichterung in einer Zeit und einer Kultur in der viele glauben, wir müssten doch nur noch perfekter sein, noch mehr arbeiten, noch bessere Eltern sein und vor allem noch mehr, und noch mehr, und noch mehr machen, um gut genug zu sein. Achtsamkeit geht einen anderen Weg. Sie erzählt uns von Wellen, denen wir im Leben unterbrochen ausgesetzt sind – und von einem Übungsweg auf dem wir lernen können, …

Erblühen

Endlich kommen die ersten Blüten hervor. Wilde Primelchen, Osterglocken und die ersten Traubenhyazinthen wachsen im Garten, an den Sträuchern bilden sich winzige grüne Triebe und hier an der Odenwälder Bergstraße blühen die ersten Bäume. In wenigen Tagen verwandeln sich die Hänge dort in ein rosaweißes Blumenmeer – und die Wege werden voller Menschen sein, die aus allen Himmelsrichtungen zusammenströmen, um diesen Anblick zu genießen. Mir scheint, ich habe nie länger auf die ersten Frühlingsboten gewartet, habe mich nie mehr nach dem ersten Grün gesehnt, als in diesem Jahr. Aber vielleicht denke ich das auch jedes Jahr und vergesse es im Lauf des Sommers wieder, das kann schon sein… Nun aber kommt der Frühling doch. Diesen Übergang von Winter zum Frühling bewusst erleben zu können ist ein Glück. Achtsamkeit entsteht bei diesem Schauen, Schnuppern und Lauschen in den Frühling hinein ganz natürlich. Die kühle feuchte Luft am Morgen, die Stimmen der Vögel, das Wachsen und Blühen – alles lädt uns ein, wahrzunehmen, da zu sein, Freude, Leichtigkeit und Verbundenheit mit der Natur entstehen zu lassen – …

Jugendliche

Immer wieder im Leben machen Menschen schwierige oder schmerzliche Erfahrungen, immer wieder wissen wir nicht, warum diese Situation jetzt da ist. Wir fühlen nur die Schwierigkeiten und den Schmerz und verstehen nicht, was eigentlich passiert. Erst im Laufe des Lebens oder im Rückblick sehen wir manchmal ein, dass uns schmerzliche Erfahrungen zu einem tieferen Verständnis geführt haben. Es ist wohl so, dass uns jede schmerzliche Situation innerlich weiten  und uns helfen kann, Mitgefühl, innere Klarheit und Freundlichkeit mit uns selbst und anderen zu entwickeln – wenn wir gelernt haben, sie in den Raum von achtsamem Gewahrsein zu stellen. Im Zusammenleben mit Jugendlichen und jungen Menschen beobachte ich gerade, wie schwer es in diesem Alter sein kann, über den eigenen Schmerz hinauszuschauen und zu erkennen, dass alle Menschen verwundbar sind und dass es im Leben mehr gibt als die eigene schmerzliche Erfahrung. In diesem Alter sind sie noch so sehr mit sich selbst beschäftigt, manchmal wie  Raupen zurückgezogen in ihrem Kokon,  manchmal wie in einer Austernschale, die sich blitzschnell verschließen kann. Wie wichtig ist es doch …

Erwartungen

Seit ein paar Tagen begegnen mir in verschiedenen Zusammenhängen „Erwartungen“. Erwartungen an Freunde und Kollegen, an Partner, Kinder – und ganz besonders die hohen Erwartungen, die Menschen oft an sich selbst stellen. Dass Erwartungen da sind gehört wohl zu unserem Menschsein dazu, wir können das nicht verhindern. Die Frage ist aber: bemerken wir diese Erwartungen eigentlich oder werden wir wie automatisch von ihnen gesteuert? Vielleicht kennst du das ja wie es ist, hohe Erwartungen an sich zu stellen – und zugleich Strategien zu entwickeln, wie man sich diesen Erwartungen auch wieder entziehen kann. Zugleich habe wir – kein Wunder! – so schnell das Gefühl, dass andere viel erwarten. Achtsamkeit kann uns bewusst machen, dass dieses Ping-Pong-Spiel viel Energie verbraucht – die wir eigentlich gut gebrauchen könnten, um einfach in aller Ruhe unseren Weg zu gehen und das zu tun, was zu tun ansteht. Erwartungen haben mit diesem „tun, was zu tun ansteht“ und mit dem „da sein mit dem, was jetzt ist“ nichts zu tun. Sie haben oft auch nichts mit dem Menschen zu tun …

Zurückkehren

Mit meinem Blog ergeht es mir immer mal so wie mit der Meditation. Es gibt Zeiten, da finde ich die Zeit und die Möglichkeit, Artikel zu schreiben – dann wieder geht mir das Schreiben ganz verloren.  Manchmal entwickeln sich Dinge auch unsichtbar oder im Verborgenen. In den letzten Wochen war ich viel damit befasst zu beobachten, was sich um mich herum „in Sachen Achtsamkeit“ tut. Manches freut mich, manches gibt mir zu denken und dann wieder hilft mir dieses „in die Weite schauen“, um zu meinem eigenen inneren Weg zurückzukehren, zu dem was für mich jetzt stimmig und lebbar ist. Die große Achtsamkeitswelle bringt vieles in Bewegung. Studien entstehen die zeigen, das Achtsamkeit wirkt und Studien, die das Gegenteil behaupten. Es geht um Geld und um Pfründe, um Konkurrenz, um Sein und Schein und ums Haben wollen. Und manche hoffen eine Methode gefunden zu haben, um noch effizienter, noch belastbarer und noch leistungsfähiger zu sein. Ja, die Achtsamkeitswelle wirbelt vieles auf und bringt nicht nur Feines, Schönes und Gutes an die Oberfläche. Zugleich aber sehe …

Innere Wetterlage

Einmal wieder war es gestern ein Kind, das meine Achtsamkeitsglocke angeschlagen und mir gezeigt hat: so oft sehen wir nur einen Ausschnitt der Wahrheit, so oft urteilen wir und kennen doch nur ein winziges Teil vom großen Puzzle. Innerlich fluchend schleppt ich meine Einkäufe über einen matschigen Parkplatz zum Auto. Nasskalt war es, es nieselte, die graue Wolkendecke hing tief. Während ich noch fröstelnd damit beschäftigt war meinen Kram zu verstauen, tauchten hinter mir Kinderstimmen auf und plötzlich hörte ich den jubelnden Aufschrei eines Mädchens: „Schaut mal – eine Pfütze!“ Und da standen sie dann zu viert um eine Riesenpfütze mit einer Freude und einer Begeisterung, als wäre ihnen gerade ein Wunder über den Weg gelaufen. Und ich stand da und fragte mich, wann ich mich eigentlich zum letzten Mal so über eine Pfütze gefreut habe. Und wer eigentlich darüber bestimmt, was ich sehe und was meine Stimmung oder meine innere Wetterlage beeinflusst. Einmal wieder zeigt sich: das Wetter da draußen kann ich nicht verändern. Meine innere Ausrichtung hin zur Freude, zur Begeisterung und zur …

Fehlern begegnen

Wie eigentlich würde es uns selbst, unseren Kindern und allen Menschen ergehen, wenn wir  immer öfter mal mit freundlicher Anteilnahme fragen würden: „Was hast du schon mal falsch gemacht – und was ist denn eigentlich daraus geworden?“ Was wäre, wenn wir Fehlerhaftigkeit in unser nicht urteilendes Gewahrsein einschließen könnten – und wenn wir über die Fehler, die uns passieren, mit einem Menschen sprechen könnten der nicht urteilt, kein Ziel mit uns hat und auch keine Angst, das anzuhören, was ausgesprochen werden will? Der also einfach da ist, aufmerksam und freundlich, und der sanft nachfragt, wenn dies gebraucht wird?

Enttäuschung

Da habe ich doch gerade auf facebook einen schönen Satz gepostet – und der geht so: „Schiffe sinken nicht, weil sie von Wasser umgeben sind. Schiffe sinken, wenn das Wasser in sie eindringt. Lass nicht zu dass das, was um dich ist, in dich eindringt und dich nach unten zieht.“ Und kaum habe ich diese schöne Weisheit in die Welt geschickt, da macht es einmal kurz „plopp“ – und schon bin ich in einer Situation, in der ich mir diesen Spruch selbst an den Spiegel kleben kann… Gleichzeitig war das Leben so nett, mir diese Weisheit zwei Tage vor der akuten Situation zu schicken, so dass ich mich nach zwanzig Minuten Wut und Ärger dann doch daran erinnert habe. Wie war das noch mit der achtsamen Selbstfreundlichkeit? „Es geht vorbei!“. „Schau einfach mal, wie du morgen darüber denkst…“, „Lass es ziehen…“, „Lass dir nicht bange machen!“, „Lass nicht zu, dass die Kleinlichkeit anderer Raum in deinem Haus bezieht.“. Da war ich doch so voller Freude und Euphorie – und dann kommt da eine Bekannte und …

Um Hilfe bitten

In unterschiedlichen Zusammenhängen begegnet mir gerade das Thema „helfen und sich helfen lassen“. Es gibt meine über achtzigjährige Mutter, die mehr und mehr auf Hilfe angewiesen ist und meine Versuche zu verstehen, was eigentlich hilft wenn sich das Leben langsam neigt. Es gibt die Babys und Kleinkinder in meinen Kursen und die wiederkehrende Frage, in welchen Situationen Eltern eingreifen und helfen sollten und in welchen wir schon ganz kleinen Kinder Hilflosigkeit anerziehen, weil wir ihr Tempo nicht respektieren oder oft nicht abwarten können, bis sie ihre Fähigkeiten selbst entdecken. Ich denke auch an Maria Montessoris Satz „Hilf mir, es selbst zu tun“ – und an die Gratwanderung zwischen „zu viel helfen“ und „im Stich lassen“, auf der wir immer wieder unterwegs sind. Und ich denke an eine Kursteilnehmerin, die von einem auf den nächsten Moment vor Schmerzen nicht mehr laufen konnte und an ihre Einsicht, wie herausfordernd es ist, plötzlich nicht mehr diejenige zu sein, die alles im Griff hat, sondern diejenige, die andere um Hilfe bitten muss, sogar für die allerkleinsten Kleinigkeiten.