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Das Gute sehen

Vielleicht befasse ich mich heute mit Achtsamkeit, weil ich mich seit ich klein war für die Frage interessiere, was im Leben eines Menschen eigentlich passieren muss, damit aus einer schwierigen Situation Gutes entstehen kann. Als Kind war ich von Mitgefühl und einem ausgeprägten Gerechtigkeitssinn erfüllt. Ich erinnerinne mich an die Freundin meiner Mutter mit ihrem Sohn Axel, der in der heutigen Zeit sicher auf ADHS getestet worden wäre. Damals wußte man noch nicht, was das ist, Axel war einfach ein „schwieriger Junge“. Es muss wohl in dieser Zeit gewesen sein, ich war vielleicht vier oder fünf Jahre alt, dass mich „das Böse“ sehr beschäftigt hat.

In meiner kindlichen Phantasie war Axel sehr oft bei mir zu Besuch – und als Ausgleich zu seiner Wildheit hatte ich auch Maria, die Mutter von Jesus, eingeladen, von der ich wohl hoffte, dass sie postiv auf Axel einwirken würde. Auf diese Weise konnte ich dem Ringen zwischen Gut und Böse gelassen zuschauen – und tatsächlich gelang es Maria immer wieder, Axel durch gutes Zureden und ihr freundliches, geduldiges Wesen zur „Besserung“ zu bekehren…

An diese kindliche Erfahrung musste ich in diesen Tagen denken. Nach zehn Jahren habe ich eine Mutter wieder getroffen, die ich noch aus den Kindergartenzeiten meiner Tochter kenne. Ich kann mich noch gut daran erinnertn, dass diese Mutter es schon im Kindergarten mit ihrem Jungen nicht leicht hatte. Er war einer, der überall aneckte, der nicht still sitzen konnte, der sich prügelte, der sich nicht anpassen wollte.
Zwei Jahre nach dem Beginn der Grundschule folgte was man bereits ahnt: Auf Druck der Lehrer wurde das Kind auf ADHS getestet. „Der Test“, erzählt mir die Mutter, „hat gezeigt, dass er an der Grenze zu ADHS steht. Ich habe diese Diagnose dann aber nicht weiter verfolgt…“
Wie viele schlaflose Nächte und sorgenvollen Stunden hinter diesem Satz, hinter diesem inneren Entschluss stehen, kann ich nur ansatzweise ahnen…
Viele Misserfolge, Niederlagen und Beschämungen folgten für das Kind, die Lehrer hatten den Jungen bereits in der Grundschule abgeschrieben. Nach großem Hin und Her und vielen Gesprächen gab es nach der vierten Klasse knapp eine Realschulempfehlung. Zwei private Schulen lehnten es ab, den Jungen aufzunehmen – lauter „3er“ in den „Kopfnoten“ schreckten ab…. „Wir haben ihn dann im staatlichen Gymnasium eingeschult – die mußten ihn ja nehmen!“ erzählt die Mutter mit einem Grinsen. Für völlig verrückt habe man sie erklärt, Freunde, Nachbarn, Verwandte zeigten wenig Verständnis.

Von nun an aber wendete sich das Blatt. Ausgerechnet auf einem staatlichen Gymnasium mit über tausend Schülern fanden sich nun endlich Lehrer, die den richtigen Ton trafen und den Jungen förderten. Vor allem aber ließen die Eltern nicht nach in dem Bemühen darum herauszufinden, was das Kind wirklich interessiert, was seine Leidenschaft und seine Begeisterung weckt. Und sie fanden… die Bienen. Bienen zu beobachten, sich um Bienenvölker zu kümmern, Honig herzustellen und sich mit dem Verkauf eigenes Geld zu verdienen – dafür hat der Junge ein tiefes Interesse entwickelt, dafür begeistert er sich, das wird er weiter verfolgen.
Im nächsten Jahr wird er sein Abi machen.
Seine Mutter hat ihm davon eigentlich abgeraten. „Spar dir doch die Büffelei!“ hat sie ihm gesagt. „Mit dem Fachabi nach der Zwölften hast du doch schon beste Voraussetzungen“.
Er will die Büffelei jetzt aber trotzdem durchziehen. „Ich habe ja nichts zu verlieren,“ hat er ihr gesagt „es kann ja noch besser werden!“
Für die Zeit nach der Schule hat er jetzt eine Lehrstelle bei einem Imker.

Dieser Junge hatte Glück. Glück mit seiner Mutter, die einfach nicht nachgelassen hat darin, das Gute in ihrem Kind zu suchen, daran zu glauben, dass ihr Sohn etwas herausfinden wird, dass da etwas schlummert, eine Kraft, ein inneres Interesse, das in gute Bahnen kommen will. Glück hat er auch gehabt mit ein paar Lehrern, die sich nicht von Diagnosen beeinflussen ließen, sondern offen genug waren, um noch einmal hinzuschauen, um in eine Beziehung zu gehen, um tiefes menschliches Interesse an ihrem Schüler zu zeigen.

Keiner der Erwachsenen wußte in dem Moment, in dem er sich dem Jungen zu wandte, ob es etwas „nützen“ würde. Im Augenblick der Begegnung konnte niemand wissen, was aus ihm werden würde und dass er auf einen guten Weg kommen würde –  weil es Menschen in seiner Nähe gab, die nicht nachgelassen haben in ihrem Wunsch, das Gute zu sehen in einem Jungen, der sich ganz und gar nicht gut benommen hat. Vielleicht ist es genau diese Art der Zuwendung, die im Leben eines Menschen zur tragenden Kraft werden kann. (j.g.)

7 Kommentare

  1. Eine wunderbare Geschichte, die wirklich Hoffnung macht. Und wie schön, dass – endlich einmal – Lehrer am Gymnasium alles richtig gemacht haben. (Ich arbeite selbst an einem Gymnasium…)
    Glückwunsch zu deinem gesamten Blog, der mich sehr inspiriert.

  2. Regine Käuffer sagt

    Liebe Julia, darf ich mir diesen Text „klauen“ und für „meine Mamas“ kopieren?

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