Achtsamkeit im Alltag, Kinder, Kinder....
Kommentare 1

Disziplin, die von innen kommt

Ich gebe es unumwunden zu: wenn mir jemand was von Disziplin erzählt und davon, dass man doch nur diszipliniert sein muss, um…. dann stellen sich in mir alle Stacheln auf. Ich gerate auf der Stelle und ohne zu zögern in eine Haltung von innerem Widerstand, schalte auf Abwehr und lasse mich so gut wie gar nicht mehr zu irgend etwas überreden oder drängen.

Ist das gut oder schlecht? Man weiß es nicht…

Einerseits steht mir mein Widerstand sicher an der ein oder anderen Stelle im Weg und behindert auch, dass ich mir mit Ordnung, weniger Internet oder mehr frischer Luft etwas Gutes tue. Andererseits führt er aber auch zu der Frage, was mich eigentlich selbst und von innen heraus dazu bewegt, etwas zu tun, Anstrengungen oder Schwierigkeiten in Kauf zu nehmen und zu wachsen.

Jetzt, zu Beginn des Jahres, tragen ja viele Menschen gute Vorsätze mit sich herum und wir glauben oft, mit etwas mehr Disziplin sei das schon zu schaffen, „mehr Sport“ oder „weniger essen“ oder „weniger „Smartphone“. Aber kaum sind ein paar Tage vergangen, läßt die Disziplin wieder nach – und was bleibt sind Selbstverurteilung, sich schlecht und unzulänglich fühlen – und wieder einmal bestätigen wir uns, nicht gut genug zu sein, nicht genug Disziplin aufgebracht zu haben…

Irgendwie sind wir auch in unserer Gesellschaft noch immer sehr davon überzeugt, dass es „Disziplin und Ordnung“ braucht „damit der Mensch zu etwas wird“. Groß ist die Sorge, dass alle nur noch faul in den Betten liegen, wenn nicht mehr für „Disziplin und Ordnung“ gesorgt wird. Genau an dieser Stelle zeigt sich dann, um was es oft geht, wenn von Disziplin die Rede ist: um Herrschaft, um die Ausübung von Macht und darum, dass Menschen ihre Macht benutzen, um Disziplin und Unterordnung zu erzwingen. Mit diesem Denken und diesen Strukturen haben wir es noch immer täglich zu tun, im Arbeitsleben, in Schulen, in Sportvereinen, in Familien. Von Disziplin, zu der man sich zwingen muss, ist auch in Meditationsanleitungen die Rede. Wenn wir aber dem Weg und der Wirkung von Achtsamkeit vertrauen, müssen wir uns beim meditieren keine Gewalt anzutun.

Achtsamkeit in dieses Feld zu bringen verändert und heilt. In ihr liegen Freundlichkeit, liebevolle Güte, Geduld, Vertrauen – und Kraft. Wenn wir beginnen, uns selbst und die Welt die uns umgibt bewusster wahrzunehmen, wenn wir unseren Atem wahrnehmen wie er fließt, dann wachsen auch inneres Glück und Wohlwollen mit uns selbst. Es entsteht der Wunsch, an diesem Dasein teil zu nehmen, etwas in dieses Dasein hinein zu geben, zu wachsen und zu lernen. Es entsteht eine Bereitschaft zur Disziplin, wie wir sie bei kleinen Kindern beobachten, die mit äußerster Hingabe Dinge erforschen, lernen, üben und üben und üben (bis zu dem Moment in dem ihnen jemand sagt, dass man üben muss, um das kleine Einmaleins zu können, nicht über den Strich zu schreiben oder Buchstaben zu lesen. Dann ist es mit der Hingabe oft schnell vorbei – es sein denn, das Kind hängt mit Hingabe am Lehrer oder der Lehrerin. Aber das ist dann auch wieder etwas anderes.).

Ich glaube es ist an der Zeit, dieses alte Wort „Hingabe“ neu zu entdecken. Sich hinzugeben, zum Beispiel dem Wunsch, sich gut um sich selbst zu kümmern, so zu essen, dass wir keinen Schaden anrichten,  durch Meditation zu tieferer Erkenntnis und Mitgefühl zu gelangen, die Erde zu schützen oder Erfahrungen und Kenntnisse mit Kindern und Erwachsenen zu teilen – diese Hingabe an etwas bringt uns auf ganz andere Wege als der Gedanke, etwas durch Disziplin erzwingen zu müssen. Zugleich kann Hingabe ganz harmonisch auch zu Disziplin führen, einer Disziplin, die aus dem Inneren kommt, die mit Freundlichkeit, Mitgefühl, Geduld und sicher auch einer Prise Humor zu tun hat. Disziplin, die aus Hingabe entsteht, hat jedenfalls nichts mit Wettkampf, Konkurrenz oder „Erster sein“ zu tun…

In diesem Sinn spricht auch nichts gegen „gute Vorsätze“, wenn sie verbunden sind mit der Frage, woran wir uns ausrichten und welchem Stern wir folgen. Wenn wir uns an Achtsamkeit und Mitgefühl orientieren, wenn wir dieser Sehnsucht folgen, dann müssen wir nichts mit Disziplin erzwingen. Wir dürfen dann auch weich sein und sanft zu uns selbst, wir dürfen hingebungsvoll eine Idee oder einen Plan verfolgen und beobachten, wie ganz von selbst Disziplin entsteht. Oder eben nicht – und dann ist es wohl an der Zeit, den Plan zu ändern! (j.g.)

 

 

 

1 Kommentare

  1. Vielen Dank für den spannenden Artikel! :) Dass unsere guten Vorsätze scheitern, hat ganz unterschiedliche Gründe (von „nicht realistisch genug“ über „nicht attraktiv für uns“ bis zu „Herausforderungen nicht vorher eingeplant“).
    Ich glaube, achtsam Tätigkeiten auszuführen, ist eine der großen Herausforderungen unserer Zeit. Nicht ständig auf’s Handy schauen, nicht von einem zum nächsten springen, sondern in dem aufgehen, was wir tun. Diesen Flow kann man übrigens dadurch unterstützen, dass man seine Charakterstärken einsetzt.
    Einen guten Start in die neue Woche und in das neue Jahr (am 9.1. darf man das noch wünschen, oder? ;)),
    Elisabeth

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.