Mit Kindern wachsen

Eltern im Stress

Es ist wie mit der Sirene der Feuerwehr, die in höchstem Tempo zu einem Einsatz durch die Straßen rast. Wir wissen: wenn sie unterwegs ist, müssen wir möglichst schnell Platz machen, denn Rettungsfahrzeuge haben Vorfahrt und ihr Durchkommen hat allerhöchste Priorität.

Sehr ähnliche Vorgänge finden, soweit wir dies heute wissenschaftlich erforschen können, in unserem Gehirn statt, wenn wir (Erwachsene oder Kinder) unter Stress geraten. Ein kleiner Teil in unserem Gehirn, die Amygdala, dient sozusagen als Alarmglocke. Wenn sie anspringt, rasen die Feuerwehrautos durch unser System und reagieren,  als wäre unser Leben in Gefahr. Sie zwingen uns zu Schutzreaktionen, zu Angriff, Flucht oder dazu, in Deckung zu gehen. Mitgefühl, Freundlichkeit, erst einmal nachdenken bevor wir handeln, Kreativität, Lernen, Spielfreude oder die Fähigkeit sich in andere hineinzuversetzen, müssen zur Seite treten. Unser Leben zu schützen oder zu verteidigen ist wichtiger als alles, was uns in Verbindung bringt – darauf ist unser Gehirn seit Urzeiten trainiert.

Was hat dies nun mit Erziehung und dem Zusammensein mit Kindern zu tun?

Oft glauben wir gerade dann, unser Kind besser erziehen oder ihm Grenzen setzen zu müssen, wenn schon ganz viel Stress da ist – bei uns und bei den Kindern. Es passiert in der Nacht, wenn das Baby nicht aufhören will zu weinen. Es passiert im Bad, wenn das Kind nicht Zähne putzen will. Es passiert im Auto, wenn sich das Kind nicht anschnallen lassen will. Es passiert im Restaurant, wenn die Kinder rumtoben. Es passiert auf dem Spielplatz, wenn unser Kind einem anderen das Eimerchen wegnimmt und wir uns von anderen Müttern beobachtet fühlen. Es passiert, wenn unser Kind mit einer schlechten Note von der Schule kommt oder wir nach einem anstrengenden Arbeitstag nach hause kommen und die Küche im Chaos versinkt. Der Stresspegel steigt und steigt und wir glauben – jetzt muss etwas passieren!!!

Wir versuchen also genau dann Grenzen zu setzen oder „zu erziehen“, wenn unsere Kinder oder wir selbst unter Stress stehen und die Schleusen für Ruhe bewahren, Einfühlung und Offenheit verschlossen sind. Genau in den Momenten, in denen ihnen das gar nicht möglich ist, erwarten wir von Kindern, dass sie etwas einsehen, sich in andere hineinversetzen, etwas lernen. Genau in den Momenten, in denen unser eigener Stresspegel so hoch ist, dass wir innerlich gar keinen Raum haben um beispielsweise nachzufragen wie es unserem Kind wirklich geht und was es gerade antreibt, versuchen wir mit Macht etwas zu verändern.

Der achtsame Weg mit Kindern zu leben ist kein Weg, auf dem Kinder alles dürfen, auf dem wir wegschauen und Kinder sich selbst überlassen. Vielmehr geht es für uns Erwachsene darum, innere Klarheit, Einfühlungsvermögen und Weitsicht zu entwickeln. Wissenschaftliche Studien zeigen, dass Achtsamkeit und Meditation unser Gehirn tatsächlich verändern und dass Menschen, die Übung in Meditation haben, auch unter Stress noch in der Lage sind, die ganze Situation mit einzubeziehen. Auf die Situation mit Kindern übertragen hieße das, dass wir in einer kritischen Situation bewußt bemerken „aha, da ist Stress“, dass wir uns gleichzeitig in uns selbst und unser Kind einfühlen können. Sobald wir unseren Stress bewusst bemerken, können wir automaische Reationen unterbrechen und Raum für Einfühlung, Selbstmitgefühl und Klarheit schaffen.

So wie wir in einem Haus Feuermelder  installieren bevor das Feuer ausbricht, können wir Achtsamkeit im Alltag üben um in Stresssituationen bewusst zu bleiben. Eine kleine feine Übung besteht darin, mehrmals am Tag innezuhalten, den Atem wahrzunehmen und sich zu fragen „wie geht es mir jetzt?“ – ohne in diesem Moment etwas verändern zu wollen, ohne zu urteilen, ohne diesem, jenem oder uns selbst Schuld zuzuschreiben. Einfach für ein paar Momente innehalten – und dann beenden wir die Übung. Auf dieses Weise lernen wir viel über uns selbst, über Situationen die uns Stress bereiten und Situationen, die uns gut tun. Und darüber, dass wir uns in entspannten Situationen besser einfühlen können, offener dafür sind, uns innerlich auf uns selbst und andere einzustimmen, bereiter sind, Neues zu lernen.

(j.g.)

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