Achtsamkeit im Alltag, Texte und Inspirationen
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Erwartungen

Seit ein paar Tagen begegnen mir in verschiedenen Zusammenhängen „Erwartungen“. Erwartungen an Freunde und Kollegen, an Partner, Kinder – und ganz besonders die hohen Erwartungen, die Menschen oft an sich selbst stellen. Dass Erwartungen da sind gehört wohl zu unserem Menschsein dazu, wir können das nicht verhindern. Die Frage ist aber: bemerken wir diese Erwartungen eigentlich oder werden wir wie automatisch von ihnen gesteuert?

Wie viele Menschen neige auch ich dazu, hohe Erwartungen an mich zu stellen – und zugleich Strategien zu entwickeln, wie ich mich diesen Erwartungen auch wieder entziehen kann. Zugleich habe ich – kein Wunder! – schnell das Gefühl, dass andere viel von mir erwarten und reagiere je nach Stimmung mit Rückzug oder rumrüffeln. In den letzten Tagen ist mir bewusst geworden, dass dieses Ping-Pong-Spiel ganz schön viele Energien bindet – die ich eigentlich gut gebrauchen könnte, um einfach in aller Ruhe meinen Weg zu gehen und das zu tun, was zu tun ansteht.

Erwartungen haben mit diesem „tun, was zu tun ansteht“ und mit dem „da sein mit dem, was jetzt ist“ nichts zu tun. Sie haben oft auch nichts mit dem Menschen zu tun der vor uns steht oder der wir sind, sondern nur mit unserem Bild von diesem Mensch und unserer Vorstellung, wie er sein sollte. Vor allem für Kinder ist es sehr spürbar, wenn Eltern sie nur durch die Brille ihrer Erwartungen sehen. Für Kinder ist es dann so, als wären sie gar nicht richtig da.

Unsere Erwartungen loszulassen ist manchmal nicht leicht. Es kann sich anfühlen wie ein Fall ins Bodenlose wenn wir erkennen, dass die Erwartungen die wir an uns oder andere haben, unrealistisch sind und dass aus einem Hühnerei ein Huhn schlüpft – und kein Seeadler! Mitfühlende Freundlichkeit mit uns selbst aber hilft uns, mit Schmerz und Enttäuschungen umzugehen und uns zu trösten. Achtsamkeitsübungen können uns daran erinnern, öfter innezuhalten, unsere Körperwahrnehmung zu verfeinern und früher zu bemerken, wenn uns Erwartungen einengen oder zu großer Druck entsteht.

Ganz sicher bin ich mir noch nicht aber ich vermute, dass uns letztlich hinter all unseren Erwartungen die beglückende Erfahrung erwartet, dass wir und andere bereits genau das sind, was wir und andere jetzt sein sollen und dass jeder an seinem Ort das verkörpert, was jetzt gebraucht wird. Und da sich alles ununterbrochen wandelt, wachsen und entfalten wir uns auch ganz ohne Erwartungsdruck. Es spricht aber sicher nichts dagegen, wenn wir uns manchmal etwas Mut zusprechen und freundlich auf das schauen, was wir allein durch unser Dasein in die Welt bringen. Auf diesem Weg werden wir vielleicht ein wenig weiser und mitfühlender mit uns selbst und anderen – das hoffe ich jedenfalls!

Und eines noch: keine Erwartungen mehr zu haben ist auch nur – eine Erwartung!

Foto: Karen Ciocca / Unsplash

2 Kommentare

  1. Lucia sagt

    Liebe Julia,

    ….wie wunderbar, diese Übereinstimmung! Heute morgen bei Radfahren meditierte ich über die Begriffe Erwartungen…loslassen….Dankbarkeit empfinden….wahrnehmen.
    So wie es ist, ist es einfach und schön!

    Herzlich, Lucia

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