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Gelesenes: Leslie Jamison „Die Empathie-Tests. Über Einfühlung in das Leiden anderer“

Um ehrlich zu sein: nach den ersten zehn Seiten war ich gar nicht so sehr davon überzeugt, dass dieses Buch in meinen Blog passt. Nach zwanzig Seiten aber war ich so fasziniert, dass ich es nicht mehr aus der Hand legen konnte. Und von den folgenden dreihundert Seiten war ich abwechselnd gebannt und abgestoßen. Und ja: es ist ein Test, dem sich die Autorin unterzieht – und ihre Leser zieht sie mit, und manchmal schleift sie sie auch. Dem Gefühl, in Situationen gestoßen zu werden, die ich mir nicht ausgesucht habe und die ich, weil sie nicht meinem Leben entspringen, auch kaum bewältigen kann, konnte ich mich nicht ganz entziehen.

Aber keine Frage – Leslie Jamison schreibt brillant, klug und radikal, drei Begriffe die schon auf dem Buchcover genannt werden. Es geht um persönliche Erfahrungen mit Situationen, in denen sie sich von ihrem Partner oder von Ärzten Empathie gewünscht hätte und sie nicht bekommen hat („Du redest dir da was ein!“),  und sie lotet zwischen Teilnahmslosigkeit und Besessenheit von Mitgefühl ihre eigene Fähigkeit aus, sich in andere einzufühlen. Sie schickt uns zu Menschen, die unter einer schweren Hauterkrankung leiden, für die es zur Zeit keine medizinischen Erklärungen gibt, treibt uns mitten in das Leiden, das der mexikanische Drogenkrieg hervorbringt, schreibt über weiblichen Schmerz und die Tradition, ihn abzuwerten oder zu überhöhen und stellt sich und ihre Leser gnadenlos auf die Mitgefühls-Probe, was nicht immer leicht zu ertragen ist.

Irgendwann habe ich mich an die Lebensgeschichte von Buddha erinnert, an den Moment, in dem er sein behütetes Elternhaus verlassen hat um sich mit dem Leiden in der Welt auf radikale Weise zu konfrontieren, nichts zu beschönigen und nichts zu verdrängen. Es hat Jahre gedauert bis er zu tiefer Einsicht gelangte – auch zu der Einsicht, dass Mitgefühl für andere damit beginnt, sich selbst mitfühlend und freundlich zu begegnen. Empathie kann, dies ist mir beim Lesen dieses Buches noch einmal bewusst geworden, durch noch so kluges Schreiben und noch so tapferes Schauen auf das Leiden anderer nicht herbeigeschrieben werden und ist auch keine Sache der Überzeugungskraft. Unerschrockenes Hinschauen ist eines, das andere ist eine Mitgefühlspraxis die uns hilft, Leiden zu halten und in der Begegnung zu wandeln.

Leslie Jamison: Die Empathie-Tests. suhrkamp taschenbuch 12 Euro
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