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Genug für alle?

Seit gestern zeigt sich nun also in Prozentzahlen, wie viele Menschen in Deutschland in dem Gefühl leben, nicht genug zu haben. Wie viele den Eindruck haben, andere würden ihnen etwas weg nehmen, und dass man sich abgrenzen muss, dass es so nicht weiter geht. Manche haben den Eindruck, dass man andere verjagen, sogar zunichte machen muss. Viele fürchten, dass auch unsere Demokratie nicht stark genug ist und dass sich die Vergangenheit wiederholen könnte. Wohin wir schauen zeigt sich Angst vor Mangel und davor, nicht wahrgenommen zu werden, nicht wichtig genug zu sein und nicht das zu bekommen, was uns eigentlich zusteht.

Ich kenne diese Gefühle. Seit diesem Frühjahr versuche ich beispielsweise, in unserem Garten etwas Gemüse anzubauen. Und seit dem plage ich mich auch mit Nacktschnecken herum. Jeden Morgen erschafft die Zucchini eine neue Blüte – jeden Nacht wird sie von hungrigen Nacktschnecken zerfressen. Ich bin ohne Probleme in der Lage, mich in Wut und Ärger hineinzusteigern. Immerhin habe ich den Boden bereitet, Samen gesetzt und das Pflänzchen gegossen. Sollten mir nicht jetzt auch die Früchte zustehen? Und für was eigentlich gibt es Nacktschnecken im Garten – und könnte ich sie nicht einfach dem Nachbarn über den Zaun….?

Dann aber, wenn ich eine Nacktschnecke genau betrachte, denke ich auch an den Achtsamkeitslehrer Bob Stahl, bei dem ich mein großes Retreat besucht habe, und daran, dass er sich ganz im buddhistischen Sinn dazu verpflichtet hat, keinem Tier Leid anzutun. Auch nicht den Stechmücken, denn, so formulierte er es  damals: „Auch Mücken haben Kinder und wollen, dass es ihnen gut ergeht.“ Und da stehe ich nun, die Gartenschere einsatzbereit in der Hand und frage mich, ob diese schrecklichen, schleimigen Viecher, die über alles herfallen was ich auch haben möchte, wohl Kinder haben und sich wünschen, dass es denen gut ergeht… Vorstellen kann ich mir das nicht….

Mein Ärger ist da, obwohl ich noch nicht einmal abhängig davon bin, dass meine Pflanze Früchte trägt. Tut sie es nicht, kaufe ich meine Zucchini nämlich im nächsten Supermarkt. Wie würde es mir wohl ergehen und zu was wäre ich bereit, wenn wir nun wirklich vom Ertrag unseres Garten leben müssten? Wenn ich keine Alternative hätte und aus welchen Gründen auch immer überhaupt nicht dazu fähig wäre, über andere Wege nachzudenken? Wenn ich mich in einem Kreis von Menschen befände, die Nacktschnecken zunichte machen, ohne etwas dabei zu empfinden?

Als die Flüchtlinge nach Deutschland kamen war die Bereitschaft der Bevölkerung zu teilen riesengroß. Diese Menschen hatten nichts und was hat es den meisten von uns schon wirklich ausgemacht, endlich mal die übervollen Kleiderschränke auszumisten und kistenweise gebrauchte Sachen herzuschenken? Helfen ist leicht wenn viel da und klar ist, wer Helfer ist und wer bedürftig.

Wie aber gehen wir mit jenen um, die schon lange in einem Gefühl von Mangel leben? Haben wir die Kraft und den Mut, jetzt wirklich hinzuschauen und nachzufragen? Wie begegnen wir denen, die sich nicht zufrieden geben und die sich nicht dankbar zeigen, sondern von Angst, Neid, Ressentiments oder offenem Hass gesteuert werden? Ist unser innerer Vorrat an demokratischer Überzeugung, Respekt und Mitgefühl stark und tragfähig genug, um jetzt hinzuschauen, zu lernen, zu verstehen und Lösungen zu finden?

Und wie begegnen wir unseren eigenen Voruteilen, unserem Hochmut, unserer Ablehnung, unserer Gier und unserer Angst? Ob am Gemüsebeet, an der Wahlurne, in den Vorstandsetagen oder auf den Rängen der Politik – anfangen müssen wir doch immer und immer wieder bei uns selbst, auch wenn es viele Gelegenheiten gibt, sich von sich selbst abzulenken. Macht ist ein Verführer, der Glaube, nichts bewirken zu können, ebenso.

Im Fall der Schnecken wünsche ich mir, dass es gut ausgeht. Es könnte ja sein, dass wir einfach genug für alle haben. Möglich ist das. Bis diese Einsicht tief in mir verwurzelt ist lerne ich täglich dazu, vor allem von Nacktschnecken.

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