Mit Kindern wachsen

Jon Kabat Zinn: Eltern sein

„Wenn wir Eltern werden, ob absichtlich oder zufällig, verändert sich sofort unser ganzes Leben. Es kann allerdings einige Zeit dauern, bis wir merken, wie umfassend diese Veränderung tatsächlich ist. Als Eltern sind wir zwangsläufig großem Stress ausgesetzt. Auch sind wir auf eine Weise verletzlich, wie wir es vorher nicht kannten. Eltern zu werden fordert von uns eine völlig neue Art der Verantwortlichkeit. Es ist eine bis dahin ungekannte Herausforderung und zwingt uns, unsere Zeit und Aufmerksamkeit von anderen Dingen – auch von uns selbst – abzuziehen. Eltern werden mit Chaos, Unordnung und Gefühlen der eigenen Unzulänglichkeit konfrontiert, es ergeben sich zahllose Anlässe für Streit – sie leiden unter dem Lärm, den scheinbar unendlichen Verpflichtungen und Erledigungen. Ständig gibt es neue Anlässe, sich hilflos, festgefahren, wütend, gereizt, verletzt überfordert, alt oder unwichtig zu fühlen. Das erleben wir als Eltern nicht nur, solange unsere Kinder noch klein sind, sondern auch noch, wenn sie schon erwachsen sind und ein eigenes Leben zu führen. Kinder zu haben heißt, um Ärger förmlich zu betteln.“

„Die Frage ist, können wir lernen, alle Lebensumstände für uns zu nutzen, selbst die schwierigsten und die belastendsten, um an Stärke und Weisheit und Offenherzigkeit zu wachsen? Wenn wir unsere Kinder durch alle Stürme begleiten wollen, so dass sie in einer geborgenen Umgebung ihren Bedürfnissen und ihrem inneren Zeitplan entsprechend heranwachsen können, und wenn wir bei alldem auch selbst weiter wachsen wollen, so ist es eine absolute Notwenigkeit für uns, alle Situationen des Lebens für uns zu nutzen.“

Myla und Jon Kabat Zinn: Mit Kindern wachsen. Die Praxis der Achtsamkeit in der Familie. Arbor Verlag