Kinder, Kinder...., Texte und Inspirationen
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Kein Werkzeug – keine Methode

In diesen Tagen begegnet mir einmal wieder die Frage, welche Aufgaben im Leben wir eigentlich lösen können, wenn wir die „richtige Methode“ kennen und an welchen Stellen die „richtige Methode“ einer guten Lösung komplett im Wege steht. Je älter ich werde, desto mehr Bereiche entdecke ich nämlich, in denen „richtige Methoden“ eigentlich völlig unbrauchbar sind – und in denen die Suche nach dem richtigen „Werkzeug“ hilfreiche Antworten komplett verhindert.

Es beginnt bei dem Thema Achtsamkeit. Wie kann man über die guten und hilfreichen Aspekte von Achtsamkeit sprechen, ohne den Eindruck zu erwecken, dass es um eine Methode geht, die man nur anwenden muss, um sich oder das Leben zu „verbessern“ – was Achtsamkeit gleichwohl bei vielen Menschen bewirkt? Wie können wir Achtsamkeit üben oder meditieren und zugleich erkennen, dass Meditation kein Schraubschlüssel ist, der Stress reduziert – was Meditation andererseits bei vielen Menschen erwiesenermaßen tut?

Diese grundlegende Frage hat mich im Zusammenhang mit verschiedenen Themen immer wieder bewegt: als ich mich mit der Gewaltfreien Kommunikation befasst habe und bemerken musste, welche Widerstände Menschen – vor allem Kinder – entwickeln, wenn für sie spürbar wird, dass der GfK-Weg als Werkzeug eingesetzt wird, um zu überzeugen, zu überreden oder auch um Macht auszuüben. Ich habe erlebt, wie die grundlegend hilfreichen Gedanken von Pädagogen wie Emmi Pikler oder Maria Montessori zu Werkzeugen gemacht wurden, um Kinder nur noch mehr in die vorgegebenen Schubladen hinein zu pressen. Ich erlebe, wie die grundlegend wichtigen und hilfreichen Erkenntnisse der Bindungstheorie zu Werkzeugen gemacht werden können, die Mütter an den Rand der totalen Erschöpfung bringen, und sich das Gefühl, es mit einem Baby einfach niemals „richtig“ machen zu können vertieft und vertieft und vertieft…

Es gibt da etwas in uns Menschen, das uns voller Hoffnung auf Glück und Entlastung nach den Ideen und Einsichten anderer greifen lässt. In dem Moment aber, in dem wir beginnen, neue Gedanken und Erkenntnisse wie Werkzeuge zu verwenden, um ein bestimmtes Ziel zu erreichen (weniger Stress zu haben oder ein Kind zu haben, dass gut lernt oder nachts durchschläft) entsteht auch die Möglichkeit, dass aus einer ursprünglich hilfreichen Einsicht eine ganz und gar ungute Sache wird.

Die innere Ausrichtung hin zu Achtsamkeit (oh ja! ;-) ) kann uns sehr dabei helfen zu erkennen, welches Ziel wir verfolgen, wenn wir uns mit den Einsichten anderer befassen. Menschen wie Jon Kabat-Zinn, Marshall Rosenberg oder Maria Montessori haben in ihren Leben bestimmte Erfahrungen gemacht, die wir verwenden können. Wir können aber ihre Erfahrungen nicht wiederholen und ihre Einsichten nicht wie Werkzeuge benutzen oder sie unseren Zwecken unterordnen. Vielmehr geht es darum, mit ihnen zu spielen, eine eigene Erfahrung zu machen und etwas eigenes hervorzubringen. Spielend bleiben wir zwar im Kontakt mit den Einsichten dieser Menschen, sind aber zugleich offen, neugierig, friedfertig, entspannt und in der Lage, selbst etwas weiter zu entwickeln.

Unsere eigene innere Verfassung wirkt sich darauf aus, worauf wir die Einsichten anderer Menschen ausrichten. Sind wir innerlich gestresst und angespannt oder wollen ein Ergebnis erzwingen, werden wir eher versucht sein, aus Einsichten Werkzeuge zu machen. Sind wir entspannt, offen, friedfertig und interessiert – also so wie ein Kind, das selbstvergessen und vertieft spielt – können wir Einsichten wie Muscheln am Strand benutzen, um ein eigenes Muster zu legen und eine eigene Spur entstehen zu lassen. Auf diese Weise entsteht dann auch eine eigene Erfahrung und etwas, worauf wir uns verlassen und worauf wir vertrauen können. (grö)

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