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Meditation mit Blättern

Die Blätter fallen. Jeder kleine Windstoß, der zwischen die Äste der Birke fährt, löst sie und lässt sie sanft zu Boden rieseln. Rund um den Baum ist schon ein gelber Teppich entstanden und wenn ich durch den Garten gehe, raschelt unter den Schuhen das welke Laub.

Ich sitze still und schaue den Blättern zu. Ihrem Tanz im Wind, der mir fröhlich erscheint, ein wenig aufgeregt vielleicht, als würden sie ihre Reise zur Erde genießen, ja als wüßten sie, dass sie nicht umsonst fallen und dass sie auch nicht verloren gehen.

Viel wird jetzt davon geredet, dass der Herbst die Zeit des „loslassens“ ist und dass auch wir Menschen immer wieder loslassen müssen. Aber lässt ein Baum seine Blätter los? Oder lässt er sie nicht vielmehr einfach sein, nämlich das, was sie jetzt sind: bunte, welke Blätter auf ihrem Weg zur Erde?

Und ich denke: Wir müssen doch nicht so viel tun, vor allem uns nicht krampfhaft dazu zwingen, loszulassen, was sich noch nicht lösen kann. Es reicht, manches einfach sein zu lassen: Gedanken und Gefühle im Augenblick, unsere Neigung, an Dingen, Urteilen oder Ideen festzuhalten. Unsere Kinder und andere Menschen auf ihren oft verschlungenen Wegen, uns selbst auf oft verschlungenen Wegen. Auf verschlungenen Wegen unterwegs zu sein, dabei zu denken und zu fühlen, zu trauern und Angst zu haben, zu lieben und Freude zu erleben, all das macht uns zu lebendigen Wesen, zu menschlichen Wesen. Es geht nicht darum, innere Prozesse zu beschleunigen, sich anzutreiben und sich immer wieder dem subtilen Druck zur Selbstverbesserung auszusetzen.

Alles löst sich ja im eigenen Tempo. Ich schaue dem Baum zu, wie er die Blätter sein lässt – und wie sie jetzt sein können, wie sie jetzt sind – bunte, welke Blätter, die fallen und sich wandeln. Ich bemerke meine Gedanken über Blätter im Herbst und die Gefühle, die sie auslösen. Meinen Atem, der kommt, der geht. Und ich, ein Mensch im Garten, plane die Blätter liegen zu lassen –  ein Tischtuch für den Winter.

 

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