Monatsbriefe

Monatsbrief November

Liebe Menschen auf dem Weg der Achtsamkeit,

der November hat sich in diesem Jahr Zeit gelassen, erst jetzt, in der zweiten Woche, ist es hier feuchtkalt und neblig geworden und nun lassen die Bäume auch wirklich ihre Blätter fallen. Loslassen, die Dinge sein lassen, damit Neues wachsen kann – wir alle stehen ja als Teil der Natur immer wieder mitten in diesem Prozess der Veränderung

Wie leicht es den Bäumen scheinbar fällt, die Sache mit dem Loslassen. Blätter lösen sich, manchmal denke ich: „mit einem kleinen Schnips“, und segeln dann leicht und beschwingt dem Boden entgegen. Hat der Baum Angst davor, ein Blatt gehen zu lassen? Hat das Blatt Angst vor der Reise zum Boden? Wir wissen es nicht, wir können es nur beobachten und uns unseren Reim darauf machen.

Wenn wir im Kontext von Achtsamkeit über „loslassen“ sprechen, denke ich an den amerikanischen Achtsamkeitslehrer Jack Kornfield.. Er versteht „loslassen“ eigentlich als „sein lassen“. Loslassen ist für ihn also keine „Aktivität“, wir müssen dafür nichts tun und nichts leisten. Nur, so schwer das manchmal auch sein mag, die Dinge so sein lassen, wie sind jetzt eben sind. Denn so wie wir nicht trennen können, ob der Baum das Blatt oder das Blatt den Baum loslässt, so beschreibt „sein lassen“ ein „nicht festhalten“: an Glaubenssätzen, Besitz, Beziehungen und unseren abertausenden Vorstellungen darüber, wie die Dinge laufen sollten. Die Dinge so sein zu lassen, wie sind, darin liegt ein großes „Ja“ zu dem, was uns das Leben zeigt, zu dem Weg, den wir gehen und zu dem, was wir auf diesem Weg zu lernen haben. Es ist auch ein Lassen der Überzeugung, dass alles nach unserem Willen laufen muss, zugleich ein Loslassen der Angst davor, dass sich alles verschlechtert, wenn wir aufhören, uns anzustrengen und verbissen darum zu kämpfen, dass alles so bleibt wie es ist. Was nicht passieren wird… Immer und immer wieder geht es auch darum, tieferes Vertrauen in den Prozess des Wandels zu entwickeln und diesen Wandel aus der interessierten und präsenten Haltung der Achtsamkeit zu bemerken.

Unsere Meditationspraxis kann uns sehr dabei helfen, das, was sich lösen und wandeln will, noch einmal in Ruhe anzuschauen und es auch zu benennen. Es geht nämlich nicht darum, die Dinge einfach zu ignorieren oder so zu tun „als wäre nichts“. Für diese innere Arbeit empfehle ich Euch sehr die drei Schritte der Selbstmitgefühlspause nach Kristin Neff und Chris Germer (C. Germer: Der achtsame Weg zum Selbstmitgefühl. Arbor Verlag). Diese Übung kann Euch sehr helfen, Erfahrungen aus dem vergangenen Jahr noch einmal anzuschauen und sie dann ganz bewusst „sein zu lassen“. Es ist auch möglich, daraus ein kleines Ritual zu machen, zum Beispiel die Dinge aufzuschreiben und die Blätter dann einem kleinen Herbstfeuer zu übergeben.

„Wer loslässt“, so heiß es „hat die Hände frei.“ Auch das ist eine Erkenntnis, die nur entstehen kann, wenn wir den Moment der Leere zulassen, der zu diesem Prozess dazu gehört. Ich mag den Satz sehr, weil er unsere Aufmerksamkeit auf die Hände lenkt und darauf, dass wir erst mit leeren Händen anfangen können, etwas Neues zu kreieren, Neues zu erschaffen. Vor dem Neuen aber steht der Moment, in dem unsere Hände aussehen, als wären sie leer. Das Neue, das entstehen will, ist aber schon angelegt, auch wenn es noch nicht sichtbar ist und wir es noch nicht kennen.

Das Ende, in dem der Neuanfang liegt, wer hätte es schöner in wenige Worte gefasst als die Schriftstellerin und Lyrikerin Hilde Domin. Sie schreibt:

„Es knospt unter den Blättern.
Das nennen sie Herbst.“

In diesem Sinn Euch allen frohes Knospen

Herzliche Grüße Julia

Die Selbstmitgefühlspause:

Komm zu dieser Übung in eine aufrechte und zugleich bequeme Haltung im Sitzen. Nimm den Kontakt der Füße zum Boden wahr und den Kontakt der Oberschenkel zum Stuhl. Nimm für ein paar Moment Kontakt mit dem Atem auf, bis du das Gefühl hast, dass du jetzt bei dir angekommen bist. Erinnere ich dann an eine Situation aus dem vergangenen Jahr, in der Du es schwer hattest. Es muss nicht die schwierigste Situation sein, beginne mit einer Situation, die Du jetzt noch einmal gut anschauen kannst.

Im ersten Schritt kannst Du noch einmal anerkennen, dass das eine schwierige Situation war und zu Dir selbst sagen:

Autsch, das war hart!

Das hat weh getan!

Das war wirklich ein schwieriger Moment!

Da ist etwas schiefgelaufen!
So hat es sich damals angefühlt, als ich nicht weiter wusste.

Im zweiten Schritt kannst Du anerkennen, dass dies eine Erfahrung war, die alle Menschen in ihrem Leben machen und die zu unserem Menschsein dazu gehört:

Kein Mensch ist perfekt, auch ich nicht…

Ich bin nicht der einzige Mensch, der solche Schwierigkeiten erlebt hat…
Das ist Teil des Lebens.

Ich bin nicht alleine.

Ich übe noch.

Im dritten Schritt können wir uns selbst das wünschen, was wir einem guten Freund oder einer guten Freundin in dieser Situation gewünscht hätten. Welche liebevollen, tröstlichen Worte kannst Du Dir jetzt noch einmal sagen, bevor Du die Situation „loslässt“?
Was wünscht Du Dir von Herzen? Wenn du magst, kannst du dabei die Hände auf den Herzraum legen. Du kannst Dir selbst wünschen: Möge ich sicher und geborgen sein.

Möge ich im Frieden sein. Möge ich mich so annehmen, wie ich bin. Möge ich diese Situation jetzt sein lassen, wie sie war.

Oder auch: Ich wünsche mir, dass ich mich sicher fühle und freundlich mit mir umgehe…

Ich wünsche mir, dass ich Vertrauen in die Veränderung habe.

Foto: Arek Socha / Pixabay

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.