Monatsbriefe

Monatsbrief Oktober

Der Sommer neigt sich langsam dem Ende entgegen. Noch erreichen uns warme Sonnenstrahlen, aber morgens war es schon richtig kühl und die Dunkelheit am Abend bricht spürbar früher an. Für mich ist es eine besondere Zeit im Jahr, in der ich versuche, mir täglich ganz bewusst etwas Zeit fürs Schauen, Hinspüren, Riechen und Schmecken zu nehmen. Denn nur wenn wir innehalten und mit allen Sinnen wirklich im gegenwärtigen Augenblick ankommen, können wir die Schönheit und die Fülle, von der wir umgeben sind, überhaupt bemerken. Und nur dann kann auch eine innere Freude entstehen und vielleicht sogar ein Moment des Glücks.

In den letzten Monaten hatten es Freude und Leichtigkeit im Leben vieler Menschen nicht so leicht. Viele waren und sind belastet. Es hat Angst und Sorge gegeben, Brüche, Trennungen, Verletzungen, schmerzliche Erfahrungen. Im Kontext der Achtsamkeit sprechen wir von Leiden – und damit sind nicht nur die ganz großen schmerzlichen Erfahrungen wie Krankheit und Sterben gemeint, sondern auch der kleine Alltagsstress, den wir oft gar nicht bemerken, der aber Spuren in Körper und Seele hinterlässt. Innhalten, Hinspüren, sich Zeit nehmen für Eindrücke, Wahrnehmungen, Empfindungen – wir vermeiden das oft gerade in jenen Zeiten, in denen der Stress groß ist, weil wir den Weg nicht kennen, um schmerzlichen Erfahrungen heilsam zu begegnen.

Achtsamkeit und Selbstmitgefühl sind Schlüssel zum Umgang mit inneren und äußeren Herausforderungen. Wir üben uns darin, auf heilsame Weise mit der schwierigen Erfahrung zu sein. Diese nicht zu verdrängen, aber auch nicht an ihnen festzuhalten und uns nicht von ihnen einnehmen zu lassen – das ist die Kunst der Achtsamkeit. Meditieren heißt auch: innerlich forschen, üben, Freundlichkeit, Gelassenheit und innere Klarheit in sich wachsen lassen. Jeder Augenblick, jeder Atemzug lädt uns dazu ein, diese Bewegung nach innen wirklich auch zu unternehmen.

Unsere Übungspraxis wird nicht dazu führen, dass wir keine Schwierigkeiten mehr erleben. Sie führt uns aber dahin, inmitten einer schwierigen Erfahrung weiser, bewusster und mitfühlender mit uns selbst umzugehen und aus automatischen Reaktionsmustern auszusteigen. Studien zeigen: in dem Moment, in dem wir Stress, Angst, Wut, Trauer oder Scham bewusst bemerken und benennen, verändert sich etwas in unserem Gehirn. Der Stresspegel sinkt dann schon etwas, wir können uns mitfühlend uns selbst zuwenden und finden wieder Zugang zu Lösungen.

Einige von Euch kennen vielleicht die Geschichte vom alten Mann und den Wölfen: „Ein alter Indianer saß mit seinem Enkelsohn am Lagerfeuer. Der Alte sprach mit sanfter Stimme: ‚In meinem Inneren kämpfen zwei Wölfe. Der eine ist der Wolf der Dunkelheit, der Angst, des Misstrauens und der Verzweiflung. Der andere Wolf ist jener des Lichtes, der Liebe, der Freude und des Vertrauens.‘ ‚Und wer von beiden gewinnt?‘, wollte der Enkel wissen. Der Alte sah ihn an und lächelte: ‚Der, den ich füttere!‘.“

Achtsamkeitspraxis heißt in diesem Zusammenhang auch: keinen Kampfplatz gegen den Wolf der Dunkelheit zu eröffnen. Denn unser Leben ist, auch wenn es so scheinen mag, kein Wettkampf und es geht nicht ums „Gewinnen“. Es geht nicht darum, das Schwierige zu vernichten oder auszurotten, sondern darum, mit dem Schwierigen zu sein und sich mit seinen Botschaften vertraut zu machen. Der Wolf der Dunkelheit hat seine Würde – und er erfüllt eine Aufgabe: Mich erinnert er daran, dass wir und alle Lebewesen verletzlich sind. Er erinnert mich daran, dass Lebendigkeit, Freude, Leichtigkeit und Vertrauen unserer Zuwendung bedürfen, damit sie lebendig bleiben und wachsen können. Er erinnert mich daran, dass Menschen Begegnung brauchen und Verbundenheit und dass in uns allen das Potential liegt, in Frieden und Freiheit miteinander zu leben – und dieses Leben bezieht den dunklen Wolf unbedingt mit ein. Es bekommt nur allen Beteiligten besser, wenn er nicht so sehr im Mittelpunkt steht…

Und deshalb komme ich vom Wolf – zur Maus! Genauer zu Frederick, dem Mäuserich von Leo Lionni, der im Herbst ja scheinbar nichts tut. Er sitzt nur da, döst – und sammelt. Wärmende Sonnenstrahlen, heitere Farben, wohlklingende Wörter. Wir alle brauchen in uns so einen Vorrat, für uns selbst, für andere, vor allem für die Kinder. Damit wir gemeinsam gut durch Herbst und Winter gehen und damit das Licht nicht vergessen geht. Macht es also, wenigstens ein paar Minuten am Tag, wie Frederick: sitzen, atmen, sich öffnen, Licht, Wärme und Farben einsinken lassen. Wir nennen es die Frederick-Meditation!

Anbei noch ein Text der amerikanischen Dichterin und Yogalehrerin Danna Faulds, den ich sehr mag:

Das ganze Aufgebot

 In diesem Leben geht es nicht darum,
die Teile wegzuschneiden, die ich nicht mag,
damit jene, die ich mag, übrig bleiben.

Ich wähle das ganze Aufgebot, Tag und Nacht,
Angenehmes und das Gegenteil davon,
wenn es schleppend geht und wenn es läuft wie geschmiert.

Lehnst du auch nur irgendein Stückchen des Lebens in dir ab,
so ist ein Schlüssel, der eine Tür hätte öffnen können, verloren,
rausgeschmissen mit dem Müll.

Ich bete für den Mut,
die ganze Katastrophe annehmen zu können,
wie auch immer sie mir erscheint,
ohne zurückzuschrecken.

4 Kommentare Neues Kommentar hinzufügen

  1. Christine sagt:

    Liebe Julia,
    danke für deinen Text. Er tut gut und macht Mut. Ich mache gerade die spannende Erfahrung, wie es ist in einem Tätigkeitsfeld zu arbeiten, das sehr stressig ist und dabei den Mut kurzfristig zu verlieren. Wirklich herausgeworfen zu werden aus dem achtsamen Leben, überrollt von einem System, das Freude und Freiheit überdeckt. Und dann sind deine Worte wie Balsam. Sie erinnern mich. Das ist gut und das sollte reichen, um wieder auf den richtigen Weg zu kommen.
    Mensch, bin ich froh, dass es Leute wie dich in meinem Leben gibt! Danke!

    1. Julia sagt:

      Liebe Christina, genz herzlich Dank, das berührt mich sehr, und ich bin auch so froh, dass es so Leute wie Dich in meinem Leben gibt. Und dass ich bei Dir den MBSR-Kurs machen konnte. Beste Lehrerin ever! Wir gehen einfach Schritt für Schritt weiter, ok?

  2. Liebe Julia,
    dem ist nichts hinzuzufügen – nur ein granz großes, herzliches Dankeschön für deine wohltuenden und inspirierenden Worte und natürlich die schönen Geschichten, die wir schon so lange kennen, die aber gerne verdrängt und vergessen werden.
    Ganz spontan fällt mir da ein Buch ein, das ich kürzlich gelesen habe; Alte Sorten von Ewald Arenz. Alles Liebe und Freude für dich.

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