Achtsamkeit im Alltag
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Reichtum der Gedanken

Immer mal wieder begegnet mir beim Lesen ganz unverhofft ein kleiner Satz, der mein Verständnis von Achtsamkeit wieder ein wenig wandelt oder ergänzt. Das ist, als würde eine kleine Glocke erklingen. Etwas berührt mich, etwas schwingt. Etwas, das zuvor nicht da war, ist plötzlich neu entstanden.

So ist es mir dieser Tage beim Lesen eines Romans ergangen, genauer gesagt der Geschichte einer Frau, die dem Leben ihrer Mutter nachspürt*. Während sie erzählt wird ihr die eigene Angst vor dem Alter und dem Alleinsein bewusst. Bei einem der letzten Telefonate mit der Mutter „sagte ich zu ihr, ich würde anfangen, mich vor dem Alter zu fürchten, vor dem Alleinsein. Ich rückte damit raus, dass es mir schwerfiel zu sehen, wie sie an ihre Wohnung gebunden war, dass es mich bedrückte und mir Angst machte. ‚Du musst dir keine Sorgen machen‘, hatte sie zu mir gesagt, mit ihrer jungen, zuversichtlichen Stimme. ‚Du wirst den Reichtum deiner Gedanken haben.‘ „

Das fand ich schön. Und tröstlich. Und irgendwie ist mir seit einiger Zeit mal wieder bewusst geworden: Gedanken verursachen nicht nur Irrungen und Wirrungen in unserem Leben, weil sie vorauseilen, sich im Kreis drehen oder dem Hier und Jetzt hinterher hinken. Unsere Gedanken sind nicht nur vorüberziehende Wolken, die den Blick auf den blauen Himmel verstellen. Sie sind  auch ein Reichtum, an dem wir uns erfreuen können.

Dies bedeutet nicht, dass wir uns nicht auch bewusst machen sollten, wie Gedanken kommen und gehen und wie uns unsere unbewussten Reaktionen auf sie ziemlichen Stress machen können. Und zugleich gilt es, auch die angenehme, schöne, freudige, tröstende oder verspielte Qualität unserer Gedanken mit einzubeziehen. Unsere Gedanken sind nicht da, um uns Stress und Schwierigkeiten zu machen. Wir können uns von ihnen auch bewusst führen lassen um Lösungen zu finden, kreativ zu werden oder etwas Heilsames in die Welt zu bringen.

Wenn wir präsenter werden für den Augenblick, wenn wir zu Ruhe kommen und innehalten, bemerken wir auch jene Qualitäten an unserer Gedanken, die uns unterstützten und denen wir auch vertrauen können…

Zu diesem Thema will ich noch etwas weiter forschen und ich freue mich wie immer über Kommentare hier im Blog oder auch per email!

Herzliche Grüße
Julia

*Kristine Bilkau: Eine Liebe in Gedanken. Luchterhand Verlag  (ich habe diesen Roman sehr gerne gelesen! Es geht um ein Frauenleben in den 60er Jahren, um den großen Aufbruch der Frauen in dieser Zeit und darum, wie Liebe und Emanzipation dann doch nicht gelingen – oder ganz  anders, als erwartet….)

Foto: Pixabay/StockSnap

 

4 Kommentare

  1. wortsonate sagt

    Solche Bücher lese ich im Moment gerne, um auch einen zugang zum dementen Menschen zu finden. Meine Gedanken gehen immer hin und her,die Achtsamkeit schwindet im Moment.

    • Ich habe beim Schreiben auch an das Thema Demenz gedacht.
      Vielleicht gibt es auch für demente Menschen einen Reichtum der Gedanken, den wir nicht aber verstehen oder zu dem wir keinen Zugang haben. Ich weiß es aber nicht…
      Und dass die Achtsamkeit immer wieder schwindet – ja, das ist so. Das zu bemerken ist ein Zeichen von Achtsamkeit….
      In so einer schweren Situation braucht es viel Selbstfreundlichkeit und Selbstmitgefühl. Und auch Unterstützung von anderen…. Ich hoffe und wünsche dir, dass es dir wohl ergeht. Herzliche Grüße!

  2. Guten Morgen Julia,
    vielen Dank für diesen Beitrag: „Du hast den Reichtum der Gedanken“ = das gefällt mir ganz besonders. Ich übe mich gerade darin, mir immer wieder der Fülle, der Schönheit gewahr zu werden – was besonders herausfordernd ist, wenn es mir mal nicht gut geht (sei es körperlich oder psychisch) ….. aber darin liegt ja gerade ein polyphones Übungsfeld! Das mir immer mehr Freude bereitet, je mehr ich es wahrzunehmen lerne
    Danke für den inspirierenden Beitrag
    Annette

    • Vielen Dank liebe Annette! Ja die Fülle!!! Dass uns die auf dem Weg nicht verloren geht – und wir lernen, uns immer wieder an sie zu erinnern – das ist so wichtig. Lernen es wahrzunehmen… das ist gut und heilsam!
      Herzliche Grüße

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