Kinder, Kinder....
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Sich nicht einmischen

Schon lange begleitet mich ein Text der italienischen Kinderärztin und Pädagogin Maria Montessori über die Kunst, sich nicht einzumischen. Sie beschreibt darin die beständigen Impulse der Erwachsenen, sich in das Tun von Kindern einzumischen mit dem Ziel, Dinge zu verbessern, dem Kind zu helfen oder es zu verändern. Und regt dazu an, immer dann wenn wir einen solchen Impuls spüren, eine Perlenkette zu nehmen und eine Perle zu schieben – bis wir zu einem Gefühl der Ruhe und Stille kommen, das uns innerlich verändert.

Dieses einfach da sein ohne ein Ziel zu verfolgen ist nicht leicht. Im Zusammensein mit Kindern habe ich oft erlebt, dass sich Eltern und Pädagogen zwar äußerlich still verhalten und sich weniger einmischen – innerlich aber mit der Vorstellung verbunden sind, dass Kinder auf diese Weise eigenständig lernen und forschen, selbstständig werden oder „besser lernen“ – und gar nicht bemerken, dass sich die Katze gerade in den Schwanz beißt und sie sich von der Haltung  sich „nicht einzumischen“ weit entfernt haben.

Andererseits darf dieses „sich nicht einmischen“ nichts damit verwechselt werden, nicht da zu sein, Kinder sich selbst zu überlassen oder einem Menschen der um Hilfe bittet nicht mit Rat und Tat zur Seite zu stehen. Wir können Kindern und Erwachsenen aus einem inneren Impuls des Mitgefühls und der freundlichen Präsenz heraus beistehen ohne uns einzumischen, ohne ein Ziel zu verfolgen, ohne etwas verbessern oder erreichen zu wollen.

Einfach da sein, sich nicht einmischen um ein Ziel zu erreichen, hat mit Akzeptanz und Respekt zu tun, aber auch mit Vertrauen ins Leben und in die Erkenntnis, dass jeder Augenblick so ist, wie er sein muss und dass bereits alles getan und geschehen ist, was für diesen Augenblick angemessen ist oder gebraucht wird, weil sich auch ohne unsere Einmischung ununterbrochen alles vorbereitet für den nächsten Schritt, der wiederum vorbereitet was dann entsteht. Es ist wie mit einer Blume die wächst, blüht, verwelkt und sogar ganz verschwindet. In jedem Schritt ist der kommende bereits angelegt, in jedem Schritt bereitet sich der nächste vor. Wir können diesen Prozess beobachtet und für ihn da sein, wir können die Blume im Sommer wässern oder ihr eine Stütze bauen, wir können uns über die Blüte freuen und über ihr Welken traurig sein, wir können auf neue Blumen hoffen und die Blumen studieren, beschreiben oder malen – dies alles ändert nichts an dem Prozess von ständigem Wachsen, Reifen, Vergehen, „Nicht sichtbar sein“ und neu entstehen.

Und zugleich hat unser Dasein, unsere offene Präsenz, unser „sich nicht einmischen“, unser „Perlen schieben“, Einfluss auf Kinder, Erwachsene, Pflanzen und Tiere. Da sein, eine Blume gießen, die Vögel im Winter füttern, eine Katze streicheln, einem Kind die Schnürsenkel binden, ein Gedicht lesen, Kartoffeln schälen, emails beantworten, Rolltreppe fahren, an einer Ampel stehen – wir sind da und wirken auf  Menschen, Tiere und die Dinge, auch wenn wir kein Ziel verfolgen und nichts verbessern oder verändern wollen.

Jetzt, „zwischen den Jahren“ und zur Winterzeit, ist wohl eine gute Zeit dafür, einmal Erfahrungen mit diesem Zustand von freundlichem Dasein und sich weniger einmischen zu sammeln. Was geschieht, wenn ich Menschen, Dingen und Situationen ihr So-sein lasse, wenn ich wahrnehme, ohne Urteile zu fällen, ohne ein Ziel mit anderen zu verfolgen? Was sage ich zu meinen Kindern, zu meinem Partner, wenn ich kein Ziel mit ihm verfolge und wie geht es mir dann? Kann ich Geschirr spülen, ohne ein Ziel zu verfolgen und was erfahre ich dann? Kann ich einem Kind, einem Erwachsenen, einem Tier in Worten und Taten zeigen „Ich bin für dich da“, also genau jetzt für diesen Menschen und seine Erfahrung im gegenwärtigen Augenblick – ohne es besser wissen zu müssen, ohne etwas verbessern zu müssen? (j.g.)

 

 

 

 

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