Achtsamkeit im Alltag
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Um Hilfe bitten

In unterschiedlichen Zusammenhängen begegnet mir gerade das Thema „helfen und sich helfen lassen“. Es gibt meine über achtzigjährige Mutter, die mehr und mehr auf Hilfe angewiesen ist und meine Versuche zu verstehen, was eigentlich hilft wenn sich das Leben langsam neigt. Es gibt die Babys und Kleinkinder in meinen Kursen und die wiederkehrende Frage, in welchen Situationen Eltern eingreifen und helfen sollten und in welchen wir schon ganz kleinen Kinder Hilflosigkeit anerziehen, weil wir ihr Tempo nicht respektieren oder oft nicht abwarten können, bis sie ihre Fähigkeiten selbst entdecken. Ich denke auch an Maria Montessoris Satz „Hilf mir, es selbst zu tun“ – und an die Gratwanderung zwischen „zu viel helfen“ und „im Stich lassen“, auf der wir immer wieder unterwegs sind. Und ich denke an eine Kursteilnehmerin, die von einem auf den nächsten Moment vor Schmerzen nicht mehr laufen konnte und an ihre Einsicht, wie herausfordernd es ist, plötzlich nicht mehr diejenige zu sein, die alles im Griff hat, sondern diejenige, die andere um Hilfe bitten muss, sogar für die allerkleinsten Kleinigkeiten.

Einem Kind oder einem Erwachsenen so zu helfen, dass unsere Hilfe nicht beschädigt, dass sie respektvoll bleibt und den anderen nicht in seiner Würde verletzt, ist oft nicht so einfach und erfordert innere Stabilität, Vertrauen und Einfühlungsvermögen. Wenn wir uns in Achtsamkeit und Präsenz üben, sind wir als Helfende offen für den Augenblick, wir lernen, weniger zu verallgemeinern, immer wieder neu hinzuschauen und das zu tun, was in diesem Moment gebraucht wird, was in diesem Moment getan werden will. Wirklich helfen können wir wenn wir auch lernen, in diesem einen Augenblick die eigene Ziele, Urteile oder Lösungswege einmal zur Seite zu stellen und das wahrzunehmen, was der andere in diesem Augenblick wirklich braucht oder welche neue Fähigkeit, welche Einsicht bei ihm gerade entsteht. Wenn dies gelingt, entsteht ein Kontakt, ein Verständnis, es kommt zu einer echten Begegnung, die trösten und Leid lindern kann.

Wie aber ist es, wenn wir selbst Hilfe brauchen oder um Hilfe bitten müssen? Ist sich helfen lassen nicht oft viel schwieriger, als zu helfen? Was macht es manchmal so schwer, andere um Hilfe zu bitten und wie können uns Achtsamkeit und Mitgefühl unterstützen, wenn wir selbst der Hilfe bedürfen? Ich fürchte manchmal, dass Erwachsene und Kinder in der heutigen Zeit sehr oft die Erfahrung machen, dass „um Hilfe zu bitten“ bedeutet, sich schwach zu machen, von oben herab belehrt zu werden oder ungebetenen Ratschlägen ausgesetzt zu sein. Vor allem in Kitas, Schulen, Krankenhäusern und Pflegeheimen ist der Stresspegel der Helfenden oft hoch und es bleibt kaum innerer Raum, um ein tieferes Verständnis dafür zu entwickeln, was Menschen wirklich hilft. An all den Orten, an denen Menschen Kategorien zugeordnet werden (Krippenkind, Schüler, Kranker, Pflegebedürftiger) ist die Gefahr groß, dass der Kontakt von Routine bestimmt wird und diese die echte, hilfreiche Begegnung überlagert.

In diesem Zusammenhang beginne ich gerade zu verstehen, dass nicht nur Helfende Achtsamkeit und Mitgefühl brauchen um helfen zu können, sondern dass auch ich, wenn ich Hilfe brauche, Achtsamkeit und Mitgefühl entwickeln muss. Nur wenn ich mich für die oft unvollkommene Hilfe eines anderen öffnen kann, wenn ein tieferes Verständnis für den Helfenden entsteht, kann die tragende und heilende Begegnung entstehen. Um Hilfe zu bitten bedeutet in so fern auch immer, sich auszuliefern, etwas von der eigenen Hilfsbedürftigkeit zu zeigen – und gleichzeitig etwas vom eigenen Mut, der eigenen Stärke und der eigenen Fähigkeit, sich anzuvertrauen.

Letztlich geht es beim helfen oder sich helfen lassen immer wieder um eine bestimmte Qualität in der Beziehung die entstehen kann, wenn wir uns an Achtsamkeit und Mitgefühl orientieren. In Achtsamkeit und Mitgefühl sind derjenige der hilft und derjenige, der Hilfe empfängt nicht voneinander getrennt. Wer Hilfe braucht ist zugleich auch Helfer, wer hilft bedarf auch der Hilfe. Wir müssen uns daher nicht schämen, andere um etwas zu bitten, weil Hilfe empfangen und Hilfe geben nicht getrennt sind. Auf beiden Seiten geht es darum, offen zu werden, mit freundlicher Präsenz das zu tun, was der Augenblick vorgibt und sich bewusst zu werden, dass alle Menschen unabhängig von Alter oder Gesundheitszustand der Hilfe bedürfen und zugleich Helfende sind.

 

 

 

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