Achtsamkeit im Alltag, Texte und Inspirationen
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Sich Zeit nehmen

Bedrängt von dem Gefühl, „alles schaffen zu müssen“, ist „sich Zeit nehmen“ eine Kunst und ein Wagnis zugleich. Wagen wir es, samstags in der städtischen Fußgängerzone einmal bewusst einen Fuß vor den anderen zu setzen und langsam zu gehen? Wagen wir es noch, uns in der Mittagspause zu einem Essen hinzusetzen und uns Zeit für Schmecken und Kauen zu nehmen? Und wäre es nicht eine Revolution, unseren Kindern morgens Zeit zu lassen, um in den Tag zu starten? Wagen wir es, empörte Blicke und Bemerkungen auszuhalten, wenn wir an der Supermarktkasse das Gemüse nicht eilig in die Einkaufskarre werfen? Und wagen wir es, uns trotz aller Termine und allem Trubel Zeit für Meditation, für dieses „freundliche, offene mit sich sein“, zu nehmen?

Eine Kollegin erzählte mir kürzlich sie sei dazu übergegangen ihre Busfahrkarte wieder beim Busfahrer zu kaufen statt am Automaten. Auf der Bank ließe sie sich ihr Geld wieder am Schalter auszahlen und versuche dann auch immer, ein paar Worte mit der Bankangestellten zu wechseln. Seit einiger Zeit verzichtet sie auch auf den Büroaufzug und geht Treppe, nicht um die Kondition zu trainieren, sondern um jeden Tag ein paarmal langsam und bewusst zu gehen und bei ihrem Atem zu sein.

Sind dies nutzlose Versuche, die Welle aufzuhalten, die wir nicht stoppen können? Ich kann nur für mich selbst sprechen und von der Erfahrung, dass dieses „sich bewusst Zeit nehmen“ im Leben viel verändert. Entscheidend ist wohl die innere Haltung, mit der wir dabei unterwegs sind. Es geht nicht darum, sich selbst unter Druck zu setzten und sich zu irgend etwas zu zwingen. Achtsamkeit bedeutet nicht, mit zusammengebissenen Zähnen durch die Welt zu gehen.

Achtsamkeit heißt eine Haltung der Präsenz und der inneren Freundlichkeit einzunehmen und zuzulassen, dass sich Dinge verändern. Niemandem etwas aufzudrängen, auch nicht uns selbst. Wohlwollend zu bleiben, auch wenn wir zwischendrin mal hetzen oder rennen müssen, dann aber auch wieder zur Präsenz für den Atem zurückzukehren – und sei es nur für einen kleinen Moment.

Vielleicht gibt es einen Rahmen von einer Stunde am Tag, oder vielleicht nur einer halben, in der wir einmal spüren können wir es ist, sich Zeit zu nehmen. Vielleicht gibt es auch eine Tätigkeit, die wir künftig ganz bewusst angehen wollen – und sei es die Jacke an- und auszuziehen oder die Spülmaschine auszuräumen. Vielleicht gibt es in den nächsten Tagen auch ein Gespräch, bei dem wir uns einmal darauf konzentrieren können, langsamer zu sprechen, Pausen einzulegen, nachzuspüren – einfach um bewusst zu erleben, wie es uns eigentlich gerade ergeht und um uns selbst wieder mehr Zeit zuzugestehen…

Text: j.g.
Bild: pixabay/boristrost

 

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