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Achtsamkeit im Regen

Dieser Artikel ist schon vor ein paar Jahren mitten aus dem Alltag mit Kleinkindern entstanden. Er beschreibt einen der Momente, in denen mir ein kleines Licht aufgegangen ist und ich mich an Achtsamkeit erinnert habe:

Der erste Waldtag nach den Osterferien. Das Kind weiß genau, was es braucht: den Rucksack, die Trinkflasche, die Brotbox, das Schnitzmesser, ein leeres Marmeladenglas, das Kräuterheft und – die Matschhose. Der Rucksack ist proppenvoll. Die Mutter – also ich – prüft das Gepäck: „Aber die Matschhose brauchst du wirklich nicht!“ Das Kind will es richtig machen: „Doch, die brauch‘ ich!“ Mutter: „Nein, brauchst du nicht!“ Die Zeit drängt, der Bus fährt gleich, die Mutter nimmt die Regenhose aus dem Gepäck. Schließlich – das Kind hat es so doch viel leichter, es wird bestimmt warm, der Himmel zeigt sich schon am frühen Morgen in strahlendem Blau, kein Wölkchen in Sicht. Das Kind trabt zum Bus.

Zwei Stunden später: Es schüttet wie aus Kübeln. Innerhalb von wenigen Minuten steht die Welt unter Wasser. Und das Kind ist im Wald – und es hat keine Matschhose dabei!
Nur wegen Mutter!

Auf der mütterlichen Gedankenbühne – Aufmarsch der Protagonisten:

Andere Mütter: Was für eine schlechte Mutter! Gibt ihrem Kind keine Hose mit. Kümmert die sich eigentlich noch um ihr Kind? Hatte vermutlich mal wieder keine Zeit. Typisch – und jetzt stehen zur Auswahl : alleinerziehende Mutter, berufstätige Mutter, depressive Hausfrau! Das arme Kind!

Verteidiger: Sie hat es doch nur gut gemeint und niemand konnte wissen, dass es anfängt zu regnen. Höhere Gewalt, da kann man nichts machen.

Lehrerinnen: Das hätte man wissen müssen! Uns hilft schließlich auch keiner.

Die große Dame Selbstmitleid (schluchzend): Keiner hilft Müttern, immer ist Mutter für alles alleine zuständig.

Beschwichtiger (väterlich): Jetzt mach‘ dich doch nicht so verrückt, ein bisschen Regen hat noch keinem geschadet.

Und die Mutter? Sitzt da und glaubt, was auf der Gedankenbühne passiert. Ideen spielen Ping-Pong um Lösungen, Gefühle hechten hinterher. Soll Mutter dem Kind nachfahren und die Hose noch bringen? Nee… , wie peinlich, lächerlich will sie ja sich auch nicht machen. Und überhaupt, was sagen dann die anderen? Gluckenmutter, kann ihr Kind nicht mal am Waldtag in Ruhe lassen, maßlos verwöhnend, hat wohl sonst nichts zu tun…

Mutter, mutterseelenallein zuhaus, und steht im Regen. Von Mensch und Weib ihrer selbst im Stich gelassen, abgelenkt von Vorstellungen, wie Mutter sein müsste und der Wut, dass es an Waldtagen gefälligst nicht regnen sollte!

Und dann – ein Silberstreif am Horizont: Es gibt den Atem, das Hier und Jetzt….
„Möge ich glücklich und zufrieden sein…
Und ja… möge das Kind gesund bleiben – trotz Regen – und möge es schöne Stunden im Wald haben und … möge es freudig und reich an neuen Erfahrung wiederkommen.“ Auch das – eine Möglichkeit… Ein Weg tut sich auf, etwas öffnet sich, Vertrauen in Vielfalt, vielleicht. In die Kraft, die das Kind hat, in die Menschen, die es begleiten, in den Wald, ja… ein wenig sogar in den Regen…
Stille tritt ein.

Das Kind kommt heim.
Mutter: „Na, wie war’s? Bist du nass geworden?“
Kind: „Kein Problem, Mama. Der Till hat mir seine Hose geliehen. Der ist echt cool.“

Aha…
Na dann is‘ ja wohl alles gut.
Mal wieder ganz umsonst gesorgt!?

Aufmarsch der großen Dame Selbstmitleid (schniefend): Keiner braucht mich!!!

So, jetzt issses aber mal gut hier.
Macht euch doch mal ein paar schöne Stunden ohne mich – ihr Gedanken.
Ende der VorStellung.
(j.g.)

2 Kommentare

  1. Katharina sagt

    Großartig!
    Ich liebe solche Texte die Achtsamkeit und Alltag so anschaulich miteinander verbinden!
    Deshalb lese ich diesen Blog auch sehr sehe gerne – Danke fürs Schreiben! :-)

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