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Weniger urteilen

Im Leben mit Kindern sind wir Eltern oft sehr gefordert, schnell zu urteilen und spontan zu handeln. Wenn ein kleines Kind auf eine Treppe oder auf die befahrene Straße zuläuft, bleibt wenig Zeit für achtsame Wahrnehmung. Vielmehr ist es wichtig, dass wir Gefahren schnell erkennen und reagieren.

In vielen anderen Situationen aber ist unser Drang nach schnellen Urteilen wenig hilfreich – er ist sogar schädlich, verschießt Möglichkeiten und verhindert den Blick aufs Ganze – auf unser Kind, eine Situation, andere Menschen, uns selbst.  Achtsamkeit erzählt von einem weiten Feld, in dem wir mit unseren Kindern sein dürfen, ohne bewertet und verurteilt zu werden, ohne uns selbst zu bewerten oder zu verurteilen und ohne unsere Kinder zu bewerten oder zu verurteilen. Dies ist, als würde man die Welt so wie sie im Moment ist, auf den Kopf stellen.

In uns Menschen drängt alles nach schnellen Urteilen, denn im Laufe unserer menschlichen Entwicklung ging es oft ums Überleben und da war es besser, zehn mal zu oft einen Tiger im Gebüsch zu vermuten, als ihn einmal zu übersehen. In unserer reizüberfluteten Welt scheint es aber, dass wir trotz relativer Sicherheit und weitgehender Abwesenheit von Tigern noch immer in Angst leben. Wenn wir unter Druck stehen und der Stress steigt – und viele Eltern haben großen Stress – kann es schnell passieren, dass wir den Tiger hinter jedem Gebüsch erwarten oder aus jedem harmlosen Kaninchen ein hungriges Raubtier machen. Verhaltensweisen unserer Kinder, auf die wir in Ruhezeiten mit freundlicher Klarheit reagieren, fühlen sich schnell wie massive Bedrohungen an und lassen Reaktionsmuster in uns ablaufen als befänden wir uns im Kampf. Auf diese Weise lernen auch unsere Kinder wieder, hinter jedem Busch einen Tiger zu erwarten. Auf diese Weise erfahren Kindern nicht, dass sich jemand für sie als ganzes Wesen interessiert und nicht nur für äußere Verhaltensweisen oder Leistungen.

Urteile und schnelle Reaktionen sind da, so wie auch unsere Gedanken und Gefühle da sind. Sie können nicht unterdrückt werden und haben ja ihren Sinn. Achtsamkeit aber lehrt uns die Kunst, im gegenwärtigen Augenblick präsent zu sein und mit einer sanften Neugier zu  fragen, was hinter dem Urteil liegt. Sie lehrt uns unsere Urteile bewusster wahrzunehmen und zeigt uns, dass wir sehr oft viel Zeit haben, über unsere Reaktionen zu entscheiden. Wenn uns die Tendenz unseres Geistes ununterbrochen zu urteilen bewusster wird, können wir uns auch für Offenheit, freundliches Interesse und echte Begegnungen entscheiden. Alle Menschen, besonders aber unsere Kinder, brauchen diese Momente der Begegnung, in der wir einfach da sein dürfen, in der wir uns nicht beurteilt fühlen.

Hinter jedem Urteil das wir fällen, zwischen den Polen von „Schwarz“ und „Weiß“ liegt das weite Feld der Wahrnehmung im gegenwärtigen Augenblick und der Zuwendung unabhängig von Urteilen. Es ist für unsere Kinder von allergrößter Bedeutung, dass es in ihrem Umfeld Erwachsene gibt die bereit sind, dieses Feld zu betreten. In jedem Augenblick, den wir mit Kindern und Erwachsenen teilen, gibt es mehr zu entdecken, als das Urteil, das unser Geist in vorauseilendem Gehorsam fällt. Achtsamkeit lehrt uns, unsere Urteile als das zu erkennen, was sie sind – Gedankenkonstrukte, die oft wenig mit der Wahrheit zu tun haben. Nur mit dem Herzen können wir über trennende Urteile hinweg sehen, wir überwinden (Vor)-Urteile nur wenn wir bereit werden, unser Herz sanft und behutsam zu öffnen und uns, so wie wir uns einem kleinen Kind zuwenden, auch uns selbst und andern Menschen zuzuwenden. (j.g.)

 

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